Zeruya Shalev im Jüdischen Museum

Lesung Zeruya Shalev JM

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich weiß noch genau, wie mir meine Freundin das Buch mit beschwörendem Blick in die Hand gedrückt hat, und ich gar nicht aufhören konnte zu staunen.

Im Jahr 2000 war das. Liebesleben hieß er, der hocherotische Roman voller sinnlicher Details über eine junge Frau, die einem älteren Mann verfällt. Erzählt wird in einer unglaublichen Sprache, fabelhaft übersetzt von Mirjam Pressler, über eine Frau die buchstäblich wahnsinnig wird an der Liebe.

Das Buch haute mich damals völlig aus den Socken, und von der israelischen
Autorin hatte ich noch nie zuvor gehört.

Zeruya Shaelv war zu dem Zeitpunkt in ihrem Heimatland bereits zum literarischen shootingstar avanciert, und nur wenig später sollten die Verkaufszahlen nach einer Besprechung im Literarischen Quartett und geradezu hymnischen Worten von Marcel Reich-Ranicki auch hierzulande durch die Decke gehen.

„Erstaunlich intensiv und intelligent. Fabelhaft gearbeitet.“ (MRR)

Vier weitere Romane von Zeruya Shalev sind seither erschienen.

Ich liebe sie alle für die hypnotischen Sätze, berausche mich an der poetischen Sprache und für die Fähigkeit, tief in die Psyche ihrer weiblichen Protagonistinnen einzutauchen, bewundere ich die Autorin sehr!

Vorgestern lud das Jüdische Museum Berlin zur Lesung von Zeruya Shalev aus ihrem neuen Roman Schmerz.

Lesung Zeruya Shalev 2_JMDas Jüdische Museum, das muss ich vorab unbedingt noch einmal loswerden, gehört zu meinen Lieblingsorten in Berlin. Natürlich lege ich es allen Berlin Besuchern wärmsten ans Herz, ich selber bin allerdings am allerliebsten ohne Anhang dort.

Für mich ist das Jüdische Museum der perfekte Ort, um mit mir und meinen Gedanken allein zu sein.

Dann sehe ich mir in Ruhe zum wiederholten Mal die Ausstellung an, trinke im Café Schmus einen Tee, beobachte die anderen Besucher und sitze im Sommer im schönen Garten zwischen Zierapfelbäumen und Platanenwäldchen.

Die Lesung fand dieses Jahr leider nicht im besonders stimmungsvollen
Glashof des Museums statt, sondern in einem schmucklosen Raum, der in seiner Nüchternheit eher die Atmosphäre eines x-beliebigen Konferenzraums ausstrahlte.

Darüber tröstete aber locker die dreifache Ladung Charme von Zeruya Shalev, Maria Schrader und Rachel Salamander hinweg.

Bereits 2012 haben sie gemeinsam den Roman Für den Rest des Lebens vorgestellt.  Hier habe ich über diese Veranstaltung geschrieben.

Die Aufteilung war auch wie beim letzten Mal: Maria Schrader las aus der deutschen Übersetzung und das war, weil sie eben nicht nur eine tolle Schauspielerin und Regisseurin ist, sondern auch eine absolut grandiose Vorleserin, ein Hochgenuss!

Zeruya selber las auch die erste Seite ihres Romans auf Hebräisch, was für mich immer einen besonderen Zauber darstellt, und antwortete auf die Fragen von Rachel Salamander.

Schmerz handelt von der Schuldirektorin Iris, die vor 10 Jahren bei einem Terroranschlag schwer verletzt wurde (wie Zeruya Shalev, die 2004 eine Explosion in einem Jerusalemer Bus überlebte).

Iris leidet zwar noch an den Schmerzen des Attentats, hat es aber dennoch geschafft, in ihr altes Leben zurückzukehren. Ihre Ehe ist im Laufe der Zeit ein wenig vorhersehbar und öde geworden, die Kinder sind schon beinahe aus dem Haus, als sie in einer Schmerzambulanz ihre Jugendliebe wieder trifft, diese Begegnung sie völlig aus der Bahn wirft, alte Schmerzen wiederaufkommen und sie beginnt, ihre Ehe und ihr gewohntes Leben aufs Spiel zu setzen.

Eigentlich wollte sie nicht über ihre eigene Geschichte, ihre Verletzung beim Selbstmordanschlag im Jerusalemer Bus schreiben, erzählt Zeruya.

Freunde hatten sie dazu gedrängt, damals, als sie monatelang ans Bett gefesselt war.

Damit wirst du dein Trauma überwinden, sagten sie, aber Zeruya wollte das nicht. Wollte das Schreiben, das ihr so wichtig im Leben ist, nicht für etwas so Persönliches „ausnutzen“.

„Erst mit einem Abstand von 10 Jahren war es mir möglich, darüber zu schreiben.“

Wie schon in Liebesleben geht es in Schmerz außerdem um erotische Spannung, um fatale Anziehung. Und um unerwartet wieder aufflammende Leidenschaft und die Frage, ob es sich lohnt, dafür alles aufs Spiel zu setzen.

♥ Doris