Zerstörte Vielfalt und rosa Kaninchen

Ach, manchmal gibt es ja so Tage, wo einfach alles passt.

Anfang Januar hatten wir beim Vorlesen den fünften Band von Harry Potter beendet und es galt jetzt also, ein neues Buch für unsere Leserunde zu finden. Normalerweise entscheide nicht ich über die Lektüre (na gut, hin und wieder schubse ich schon ein bisschen in die „richtige“ Richtung). Aber diesmal war ich Bestimmer, hab es einfach hochgehalten, das Buch, und verkündet, das ist es, unser neues. Und so darauf gefreut habe ich mich, es vorlesen zu dürfen, weil ich nämlich noch ganz genau weiß, wie ich es damals verschlungen und geliebt habe.

 

Zwölf Jahre alt war ich, da habe ich Als Hitler das rosa Kaninchen stahl zum ersten Mal gelesen. Darum geht es in dem Buch von Judith Kerr, ganz kurz:

Die neunjährige Anna und ihr drei Jahre älterer Bruder Max müssen 1933 Berlin verlassen. Die jüdische Familie flieht vor den zunehmenden Repressalien der Nationalsozialisten; Annas Vater ist zudem ein bekannter Theaterkritiker und Schriftsteller und erklärter politischer Feind des Regimes. Die Flucht erfolgt Hals über Kopf, jedes der Kinder darf nur ein Spielzeug mitnehmen. Anna lässt ihr geliebtes rosa Kaninchen zu Gunsten eines Stoffhundes zurück. Die Emigration führt die Familie über die Schweiz nach Paris und schließlich nach London. Hauptthema ist also das Leben als Flüchtling aus der Perspektive eines Mädchens. Die politischen Ereignisse und das Grauen des Dritten Reiches stehen nicht im Mittelpunkt, sind aber dennoch deutlich erahn- und spürbar. Die autobiographischen Züge des Romans, für den die Autorin 1974 den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt, liegen auf der Hand: Judith Kerr ist die Tochter von Alfred Kerr und seiner Frau Julia, die Familie floh 1933 aus Berlin. Und hier gibt es ein lesenswertes Interview mit Judith Kerr, die fast 90-jährig in England lebt.

Wie aktuell dieses Buch gerade ist, fiel mir erst später auf.

Denn natürlich jährte sich am 30.Januar 2013 die Machtübergabe an Hitler zum 80. Mal. Und Berlin gedenkt: Die Ausstellung Zerstörte Vielfalt 1933-1938 ist der Beitrag des Deutschen Historischen Museums zum gleichnamigen Themenjahr. Wir haben sie uns gleich angesehen die Ausstellung, absolut empfehlenswert, alle sollten dort hingehen!

Durch die Hörführung für Kinder führen übrigens die Figuren Max und Anna aus „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“. Es gibt halt keine Zufälle.

Nach der Ausstellung ist uns etwas flau, wir brauchen frische Luft. Am Bebelplatz vorbei, wo am 10. Mai 1933 auch Alfred Kerrs Werke verbrannt wurden, stehen wir schließlich vor dem Deli Luigi Zuckermann in der Rosenthaler Straße. Bei der kulinarischen Ausrichtung ist der Name Programm: „Luigi“ für italienische Esskultur, „Zuckermann“ für amerikanisch-jüdische Deli-Kultur mit Pastrami, Bagel und Konsorten. Mein Veggie Sandwich mit gegrilltem Scarmorza, gegrilltem Gemüse und Honig Senf Dressing war unfassbar gut, ebenso das Humus und die hausgemachte Limonade.

Abends habe ich dann noch den fantastischen Film Hannah Arendt im Kino gesehen

Was für ein Tag.