Yasmina Reza in der Schaubühne

Doris Lautenbach

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Letzten Montag.
Um 20:30 Uhr betritt Yasmina Reza den ausverkauften Saal A der Berliner Schaubühne.

Kurz zuvor ist die weltweit erfolgreichste Theaterautorin und Dramatikerin mit dem Kythera Preis ausgezeichnet worden.

„In ihrem literarischen Schaffen bringe Reza als unerbittlich genaue Beobachterin, die Fehler und Lächerlichkeiten ihrer Protagonisten auf ebenso unterhaltsame wie eindringliche Weise zur Vorstellung“, so die Begründung der Jury.

1995 begann Yasmina Rezas Erfolg in Deutschland genau hier, in der Schaubühne, im gleichen Saal, mit ihrem berühmten Stück „Kunst“.

Wie sehr ich persönlich die Französin schätze, habe ich ja schon das ein oder andere Mal erzählt, wie zum Beispiel in meinem Post zu „Ihre Version des Spiels“ im Deutschen Theater. HIER entlang bitte zum Artikel.

Yasmina Reza ist eine unglaublich großartige und geistreiche Dialogschreiberin.

Bild YASMINA-REZA

 

 

 

 

 

Foto:Pascal Victor/ArtComArt

 

Sie schafft es, „das große Ganze“ in kleinen Szenen und scheinbar beiläufigen Wortwechseln zu verdichten und ihr Gespür für die haarfeinen Risse in den Masken ihrer Protagonisten, finde ich schlicht anbetungswürdig. Wie eine Malerin arbeitet sie, mit einem kleinen Pinsel, sie schreibt über Details, niemals Generelles und sie will auf gar keinen Fall eine Botschaft vermitteln, erzählt sie später im Gespräch.

Große Geschichten in kleinen Szenen.
Kurz, konzentriert, anregend.

Deshalb sitze ich auch mit klopfendem Herzen in der ersten Reihe.

Die Karten habe ich sofort bestellt, nachdem ich von der gemeinsamen Veranstaltung des Literarischen Colloquiums Berlin und der Schaubühne erfahren habe.

Das Gespräch (in französischer Sprache) mit Yasmina Reza führen ihre beiden Übersetzer, Frank Heibert und Hinrich-Schmidt-Henkel. Und das machen sie wirklich richtig gut.

Madame Reza ist ja bekannt dafür, dass sie nicht gerne über ihr Werk spricht. Einmal sagt sie das auch direkt an diesem Abend, nicht kokett oder eingebildet, überhaupt nicht, ich finde sie absolument beeindruckend und sehr charmant.

Den Beginn des ersten Kapitels aus ihrem neuen Roman Glücklich die Glücklichen
liest Yasmina Reza selber auf Französisch. Sie hat eine sehr angenehme Stimme, die zu ihr passt, ich könnte ihr stundenlang zuhören.

Heureux les heureux

Es geht um das Ehepaar Odile und Robert. Schauplatz: Der Supermarkt. Die Käsetheke. Und wie ihr lächerlicher Streit dann eskaliert, die Nerven blank liegen, weil es hier um so viel mehr als die Wahl des richtigen Käses geht. Fantastisch!

Die Geschichte wird später dann noch einmal in Gänze von einem Schauspieler der Schaubühne (Ulrich Hoppe) vorgelesen. Eva Meckbach liest das Kapitel über den Kummer der Hutners, deren 19-jähriger Sohn in die Psychiatrie kommt, weil er glaubt, die Sängerin Céline Dion zu sein.

22 Kapitel hat das Buch, ein Kaleidoskop von 19 Ich-Erzählern. Alle Figuren kennen einander, ihre Wege kreuzen sich immer wieder, mit all den bittersüßen und ungestillten Sehnsüchten, den unter der Decke brodelnden Konflikten.

Yasmina Reza lässt eine ihrer Figuren sagen, Glück sei eine Sache der Veranlagung. Sie selber, Yasmina, habe eine Neigung zur Fröhlichkeit, aber auch zum Pessimismus, ihre besten Freunde würden ihre oft düstere Weltsicht teilen.
Mit Leuten, die wissen, dass das Leben eigentlich eine Katastrophe ist, kann man die vergnüglichsten Abende erleben, sagt sie.

Ich hatte jedenfalls einen extrem vergnüglichen Abend in der Schaubühne.

Glücklich das Publikum.

♥ Doris