Romanempfehlung| Geschichte für einen Augenblick| von Ruth Ozeki

Hallo Herbst.

Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich seufze diesem traumschönen Sommer noch ein bisschen wehmütig hinterher. Das liegt natürlich daran, dass ich die Sonne liebe und es für mich bei Wärme oder nennt es von mir aus Hitze, einfach kein „zuviel“ gibt. Wenn andere unter hohen Temperaturen ächzen und rotglühend mit Sonnencreme und Wasserflaschen um sich schmeißen möchten, fühle ich mich frisch, lebendig und knallwach.

So richtig bin ich also, ehrlich gesagt, noch nicht bereit für wollige Strickjacken und samtige Kürbissuppen bei Kerzenschein. Ok, für zimtig-schokoladige Pflaumentarte zum Nachtisch schon.

Sehr versöhnlich stimmt mich auch das einzigartige Septemberlicht, mit dem wir hier in Berlin gerade beschenkt werden.
Und auch die Aussicht auf so einige grandiose Lesungen, die demnächst anstehen (Jonathan Franzen und Zeruya Shalev sage ich nur), Theateraufführungen und der turmhohe Stapel wartender Bücher neben der Couch zaubert dann doch wieder zarte Zuversicht und Trost ins melancholische Gemüt.

Und, apropos Melancholie:

„In einer Welt ohne Melancholie, würden die Nachtigallen anfangen zu rülpsen.“
E.M Cioran

Hier kommt jetzt jedenfalls eine richtig gute Romanempfehlung, die kühle und regnerische Tage, ach was, die alles vergessen lässt.

Neuer Stoff, Buch-Stoff, der macht, dass du dich leicht und schwebend fühlst.
Wie nach einem Tag am Meer vielleicht. Oder meinetwegen auch nach einem Herbstspaziergang mit Spinnenweben, erdigem Geruch und Laubgeraschel.

Ein Roman jedenfalls, der dir eine volle Dröhnung Inspiration und Erfüllung schenkt. Und garantiert neue Erkenntnisse. Versprochen.

Zum ersten Mal habe ich auf dem sehr lesenswerten Blog LobedenTag von Ruth Ozeki und ihrem neuen Roman „Geschichte für einen Augenblick“ gehört.

Susanne, die diesen Blog mit viel Liebe und Herzblut schreibt, hat einen tollen Geschmack und stellt immer wieder ganz besondere Bücher vor, die ich alle lesen möchte. Und zwar pronto.

Jedenfalls inhalierte ich ihre Rezension von Ruth und wusste sofort: genau meins.

Und worum geht’s in dem Roman?

Geschichte für einen Augenblick („A Tale for the Time Being“) ist ganz wunderbar reich an Themen, die alle raffiniert ineinander übergehen.

Es geht um die japanische Kultur. Um ein Mädchen in Tokio, Nao, deren Vater selbstmordgefährdet ist, und die selber in der Schule grausam gemobbt wird.

Es geht um Nao’s Urgroßmutter, die hundertvier Jahre alt ist und als buddhistische Nonne und Zen-Priesterin in einem japanischen Kloster lebt. Und es geht auch um die Schreibblockade einer Autorin, Ruth, in Kanada.

Der Roman bezieht sich auf Katastrophen der Gegenwart und der Vergangenheit, seien es der Tsunami und Fukushima oder junge Kamikazepiloten im Zweiten Weltkrieg.

Und ja, dieser Themenvielfalt kann man gerecht werden. Auf eine großartige und berührend- intensive Weise sogar. Zumindest, wenn man Ruth Otzeki heißt.

Der erste Satz?

„Hallo! Ich heiße Nao, und ich bin Sein-Zeit, ich bin Sein, und ich bin Zeit. Weißt du, was das ist? Wenn du einen Moment hast, erzähl ich es dir.“

Etwas mehr, bitte.

Mit dem ersten Satz des Romans beginnt auch das Tagebuch der jungen Japanerin Nao, die sich fremd in ihrem eigenen Land und Leben fühlt. Sie erzählt ihrem Tagebuch von den Schikanen in der Schule, von den Selbstmordversuchen ihres Vaters, vom Witz und der Weisheit ihrer Urgroßmutter, einer Zen-buddhistischen Nonne.

Auf der anderen Seite des Pazifiks, an der wilden Küste einer kanadischen Insel, ringt die Schriftstellerin Ruth mit ihren Problemen- mit einer Schreibblockade, dem Älterwerden und mit ihrem kranken Künstlerehemann.

Eines Tages findet Ruth Nao’s Tagebuch am Strand. Es hat in einer
Hello Kitty Lunchbox unversehrt den Pazifik überquert. Die Lektüre wird ihr Leben verändern.

Warum sollte ich das Buch unbedingt lesen?

Weil Nao’s Tagebuch vielleicht auch dein Leben verändern wird?

Weil dieses Buch ganz viele kluge Fragen stellt. Weil man Lust bekommt, sich ebenfalls der Zen-Meditation zu widmen. Und gerne an die wilde Küste von British Columbia reisen und aufs Meer schauen möchte.

Weil das Buch erfüllt und inspiriert. Weil es daran erinnert, dass es nur das Jetzt gibt.

Und weil die Bedeutungsschwere der Themen nicht einschüchtert, sondern leichtfüßig daher kommt.

Wer ist die Autorin?

Ruth Ozeki ist Autorin, Filmemacherin und Zen-Priesterin. Sie lebt in New York und auf einer kanadischen Insel. Sie wurde 1956 in Connecticut als Tochter einer Japanerin und eines Amerikaners geboren.
“Geschichte für einen Augenblick“ ist ihr dritter Roman; er wurde mit dem Preis der Unabhängigen Buchhändler in Großbritannien ausgezeichnet und stand auf der Shortlist zum Man Booker Prize.

Macht’s euch kuschelig.

♥ Doris

Zeruya Shalev – Lesung im Jüdischen Museum

Letzten Montag stellte Zeruya Shalev ihren neuen Roman Für den Rest des Lebens (Berlin Verlag) im Jüdischen Museum vor.

Begleitet wurde sie von der Schauspielerin Maria Schrader (die 2006 ihr Regiedebüt mit der Verfilmung von Zeruya Shalevs Roman Liebesleben gab) sowie der Literaturwissenschaftlerin und Herausgeberin der Literarischen Welt, Rachel Salamander.

Eine grandiose Schriftstellerin, drei kluge und schöne Frauen, ein ganz besonderer Ort für eine Lesung: meine Vorfreude war riesengroß und die Erwartung immens. Ich neige zum Schwärmen, man sagt es mir oft. Und ja, ich weiß, große Worte sollten besser sparsam verwendet werden. Das geht hier aber nicht.

Absatz. Trommelwirbel. Und Tusch.

Der Abend war so großartig- und er wirkt immer noch nach. Ich bin bezaubert und berührt.

Für Zeruya Shalev ist Familie das ganz große Thema. Es geht um Verstrickungen, Sehnsüchte, Ängste, Wünsche und enttäuschte Erwartungen. Um widersprüchliche Gefühlswelten, geschrieben in einem derart faszinierenden Stil, dass ich ihre Bücher nur höchst ungern aus der Hand lege, wenn ich einmal begonnen habe.

Ursprünglich, so erzählt Zeruya Shalev an diesem Abend im Interview mit Rachel Salamander, wollte sie nur die Geschichte einer alten Frau auf dem Sterbebett erzählen, einer Frau, die ihr Leben Revue passieren lässt, sich an ihre Kindheit im Kibbuz erinnert. Die voller Wehmut an ihre beiden erwachsenen Kinder, Avner und Dina, denkt, von denen sie eines „zu viel“, das andere „zu wenig“ geliebt hat.

Beim Schreiben sei ihr, Zeruya, dann aber aufgefallen, wie wichtig für die Geschichte auch die Gefühlswelten dieser Kinder sind. Und so lernt der Leser also den Sohn Avner kennen, einen Anwalt für Menschenrechte, gefangen in einer unglücklichen Ehe.

Und Dina, Mitte 40, verheiratet, eine Tochter. Dieser hat sie bisher ihre ganze Liebe und Aufmerksamkeit zukommen lassen, jetzt aber geht ihre geliebte „Kleine“ eigene Wege, nicht mehr lange und sie wird von zu Hause ausziehen.

Wie wird Dina dann den Rest des Lebens verbringen? In ihr wächst der Wunsch, ein Kind zu adoptieren- Ehemann und Tochter sind jedoch entsetzt und vehement dagegen…

Dass Maria Schrader eine begnadete Vorleserin ist, weiß ich spätestens seit ihrer Lesung letztes Jahr mit Siri Hustvedt. Auch diesmal hätte ich ihr wieder die ganze Nacht lang zuhören können.

Insbesondere der Teil, wo Dina versucht ihren Ehemann von den Vorteilen einer Adoption zu überzeugen, hat in seiner Intensität garantiert nicht nur mir die Tränen in die Augen getrieben.

In dem Roman geht es auch um Israel, seine Geschichte, die schwierige Gegenwart.

Zeruya Shalev, die 2004 bei einem Selbstmordattentat schwer verletzt wurde, erzählt gegen Ende des Abends, dass dieses Buch ihr bislang optimistischstes Werk sei. Geht es doch um Versöhnung, neue Chancen und Liebe. Wenn es in Familien gelingen kann, im kleinsten Kosmos, besteht dann nicht auch Hoffnung auf eine Lösung im großen Rahmen?

Die politische Situation in Israel ist bedrohlich, die Menschen sind nervös. „Wir sind neurotischer als andere“, sagt sie. Aber wenn der Tod allgegenwärtig ist, reagieren die Menschen dort in Israel mit ihrer eigenen Art darauf, nämlich, indem sie das Leben richtig auskosten, es in sich aufsaugen.

Am Schluss liest Zeruya noch eine Seite ihres Romans auf Hebräisch. Und besser hätte man diesen besonderen Abend nun wirklich nicht beenden können.

Während die anderen Zuhörer jetzt Schlange nach Autogrammen stehen, bleibe ich einfach sitzen. Im Sommer fahre ich zum ersten Mal in meinem Leben nach Israel, und erfülle mir damit einen lang gehegten Traum. Nach dieser Lesung freue ich mich noch mehr darauf.