Mary Ocher & Your Government Record Release im Roten Salon

 

 

 

 

 

 

Happy New Year, ihr Lieben.

Ich wünsche euch einen raketentollen Start in ein friedvolles 2016.

Und? Habt ihr euch ganz ambitioniert viel vorgenommen fürs taufrische neue Jahr? Ich bin mit Vorsätzen an Silvester ja immer sehr zurückhaltend und halte nicht so viel davon, sich riesige Berge aufzuladen – und am 31.12. schon mal aus Prinzip nicht.
Aktuell bin ich damit beschäftigt, den eisigen Berliner Winter halbwegs würdevoll zu überstehen und meinen Lieben nicht allzu sehr mit zähneklapperndem Wehklagen auf die Nerven zu gehen. Kein Januar vergeht, wo ich nicht schwöre, nächstes Jahr um die gleiche Zeit mit Sicherheit in einem indischen Ashram oder im warmen Sand unter einer thailändischen Palme mit einem Ananas-Shake zu sitzen. So wie früher, als ich noch keine Familie plus Schulkind hatte.

Und alle so: Ja, ja. Bestimmt.

Dieses Jahr schlage ich mich aber ziemlich wacker, was höchstwahrscheinlich einer genialen Lichtlampe, hochdosiertem Vitamin D und meiner regelmäßigen Yogapraxis zu verdanken ist.

Falls ihr euch jedenfalls vorgenommen habt, im neuen Jahr euren Hintern öfters abends aus der überheizten Stube raus ins saftige Nacht-und Kulturleben zu schwingen, habe ich fürs nächste Wochenende eine sehr tolle Empfehlung, bei der mir selbst ganz warm ums Herz wird. <3

Mary Ocher & Your Government. Record Release Konzert im Roten Salon der Volksbühne.

Mary Ocher wurde als Mariya Ocheretianskaya 1986 in Moskau geboren und wuchs in Tel Aviv auf. 2006 gründete sie dort die Band „Mary and the Baby Cheeses“, mit der sie es im israelischen Underground zu einigem Ruhm brachten. 2007 erfolgte der Umzug nach Berlin, wo sie verschiedene singles und EPs veröffentlichte, unter anderem ihr Debütalbum „War Songs“.
Außerdem drehte sie wunderbare Videos und Kurzfilme, tritt in Clubs auf, solo oder mit Band, manchmal als DJ und nimmt an unzähligen Kunst- und Performancefestivals teil.

2012 begleitete sie Sybille Berg bei deren Lesungen zu „Vielen Dank für das Leben“, wo ich Mary Ocher auch zum ersten Mal im BE gehört habe und mir völlig hingerissen sofort danach ihre CD gekauft habe.

Hört selber

The Android Sea

Sonntag, 10. Januar 2016 um 20 Uhr im Roten Salon der Volksbühne.

♥ Doris

 

Foto credit: Erich Westendarp / pixelio.de

Vielen Dank für das Leben – Sibylle Berg im Berliner Ensemble

Sibylle Berg bei ihrer Lesung im BE

Muss man überhaupt noch erwähnen, was für eine absolut großartige Schriftstellerin Sibylle Berg ist?

Das Berliner Ensemble war jedenfalls letzten Montag  ausverkauft. Und bei den anderen Lesungen in Deutschland und der Schweiz soll es ja genauso gewesen sein. Es ist schön und tröstlich, zu wissen, dass diese klasse Frau von vielen Menschen gelesen und geschätzt wird. Ein durchweg sympathisches Publikum zudem, die Sibylle-Berg-Begeisterten.

Ich lese normalerweise nie Bücher mit gezücktem Bleistift. Bei Frau Berg aber sehr wohl, ganze Absätze markiere ich da, es bleibt mir gar nichts anderes übrig und so manch vorzügliche Formulierung würde ich am allerliebsten direkt an Hauswände sprühen. Oder ihre Bücher am besten gleich ganz zur allgemeinen Pflichtlektüre erklären.

Vielen Dank für das Leben heißt also ihr neuster Roman, den sie gemeinsam mit Katja Riemann, Matthias Brandt sowie der hinreißenden jungen Musikerin Mary Ocher im BE vorstellt. Und sie meint diesen Titel ganz ernst, die Frau Berg, was nicht unbedingt zu erwarten gewesen wäre. Denn der Blick, den Sibylle Berg auf die Welt hat, ist ganz sicher kein milder. Im Gegenteil. Gnadenlos und düster sind sie, ihre Gesellschaftsanalysen, dabei haargenau beobachtet. Hocheleganter Pessimismus.

Die Hauptfigur des Romans, Toto, jedenfalls hat eigentlich überhaupt keinen Grund, sich für sein Leben zu bedanken. In den 60er Jahren in der DDR als unerwünschtes Kind einer Alkoholikerin geboren, dabei keinem Geschlecht zuzuordnen, nicht Mädchen, nicht Junge. Ein Hermaphrodit also, und somit bereits schon als Baby aus der Norm und der Gesellschaft gefallen. „Es ist ein Nichts.“ Sagt im höchsten Maße angewidert dann auch der Chefarzt direkt nach der Geburt. Und so wächst Toto heran, in grauenhaften Heimen und brutalen Pflegefamilien in „dem kleinen sozialistischen Land“, in dumpfer grauer Hoffnungslosigkeit. Später gelangt er in den Westen. Aber nicht dass es da einen Deut besser zugeht. Zwei gescheiterte Systeme. Und dazwischen Toto.

Wundervolle Toto. Die bei all dem Hass und Widerwillen, die ihr allerorten entgegen schlagen immer gütig, freundlich und zugewandt bleibt. Die es glücklich macht, zu singen, aber völlig absichtslos, ohne Karriere zu wollen. Toto denkt nicht in Klischees, sie lebt nur im Augenblick und wir begleiten sie durch die Jahrzehnte mit ihren Hippies, Grufties und Hedgefonds Managern. Toto macht es nichts aus, vom Rudel ausgeschlossen zu sein, sie ist weich, liebevoll und will niemandem Schaden zufügen. Nie ist sie bitter oder zynisch. Sie ist rein und unschuldig, im allerbesten Sinne.

Seit langem hat mich keine literarische Figur mehr so gerührt wie Toto und ich bewundere Sibylle Berg wirklich sehr. Das hätte ich ihr gerne beim Signieren im BE  gesagt. Außerdem hätte ich auch gerne wissen wollen, wo sie ihre genialen Schuhe gekauft hat, die Frau Berg. Aber natürlich habe ich mich nicht getraut.


 

Floßfahrt mit Thoreau

Unser schwimmendes Zuhause

Die Liste war ruckizucki abgearbeitet. Isomatte, Mückenschutzmittel, Sonnencreme, Badezeug. Ein bisschen Kleinkram noch. Was man halt so braucht für eine dreitägige Floßfahrt bei strahlendem Sonnenschein auf den Gewässern der Mecklenburgischen Seenplatte. Ins Straucheln geriet ich nur kurz beim Punkt Feuerzeug, die hatte ich schließlich allesamt zusammen mit meinen Zigarillos, Aschenbechern und sonstigen Rauchutensilien in einer feierlichen Zeremonie entsorgt. Seit zwei Monaten bin ich jetzt Nichtraucherin (und finde das meistens richtig gut), aber in irgendeiner Tasche fand sich dann doch noch eins.

Ewig brauchte ich allerdings für die Suche nach der passenden Reiselektüre, als leidenschaftliche eBook Reader Ablehnerin muss ich mich entscheiden. Aber  was bitte passt zu Schilf und Schlick? Was korrespondiert harmonisch mit Seerosenwiesen?

Das neue Buch von Sibylle Berg?  „Vielen Dank für das Leben“ heißt es und wurde bereits sehnsüchtig von mir erwartet, das erste Durchblättern verheißt auch wieder nur Gutes. Kleine Kostprobe: „Im Vergleich zu Affen, Oktopussen und Gemüsesorten schneiden Babys in Intelligenztests schlecht ab“.

Oder dieser hier, auch sehr schön: „Alle jungen Menschen in der neuen westlichen Welt waren strebsame kleine Automaten, oder sie waren Versager, die mit ihren trinkenden Eltern in den Siedlungen hockten und sich langweilten“. Für solche Sätze liebe ich Sibylle Berg,  dennoch scheint sie mir nicht ganz die optimale Begleitung für eine romantische Floßtour durch idyllische Wasserstraßen. Schließlich habe ich vor, mich drei Tage lang möglichst leicht, unbekümmert und ruhig zu fühlen.

Selbstverständlich findet sich die perfekte literarische Begleitung dann doch noch. Meine Wahl fällt auf „Walden“ von Henry David Thoreau, auch nicht gerade ein Menschenfreund. Das Buch steht schon ewig auf meiner muss-ich-unbedingt-mal-lesen-Liste und erweist sich als genialer Glücksgriff. Thoreau kehrte 1845 der Menschheit den Rücken und lebte zwei Jahre alleine in einer Blockhütte in den Wäldern von Massachusetts. Ein wunderbares Buch voller neuer Lieblingssätze!

Unsere Floßtour starten wir übrigens am Röblinsee. Weiter geht’s dann in die Rheinsberger Gewässer, ein einziges schimmerndes Labyrinth aus Wasser. Wir haben schnell unseren Rhythmus gefunden. Das sanfte Geplätscher, wenn wir mit ein paar Knoten durchs Wasser tuckern, ein paar Graureiher nicken uns hoheitsvoll aus der Luft zu. Den Anker werfen wir meist mitten auf dem See aus, sanft schaukelt unser Floß, wenn wir ins dunkelgrüne kühle Wasser springen.  Wir könnten uns abends etwas kochen auf unserem Floß, es ist bestens ausgestattet, aber viel lieber machen wir irgendwo fest und kehren ein, in eine der vielen schönen Gaststätten mit köstlichem Hecht und Zander. Später suchen wir uns dann ein lauschiges Plätzchen für die Nacht und sitzen auf der kleinen Veranda unseres schwimmenden mini  Ferienhäuschens. Einmal raschelt es ziemlich unheimlich, es ist nach Mitternacht, stockfinster und wir liegen einsam am Ufer eines märchenhaften Waldabschnitts mit riesigen Farnen, Spinnennetzen und Sümpfen. Familie Wildschwein? Der Räuber Hotzenplotz himself, pünktlich zu seinem 50.Geburtstag? Unser Hund, eine Riesenschnauzerhündin, knurrt so eindrucksvoll ins Pechschwarze, wie wir es in fünf Jahren Zusammenleben noch nie gehört haben und ziemlich schnell herrscht dann auch wieder himmlische Ruhe.

Ich hätte noch ewig mit dem Floß und Thoreau weiterfahren können.