Breaking the Silence

Nadav erzählt von seinen Erlebnissen als Soldat

Für Israel interessiere ich mich jetzt schon so lange. Aber komischerweise fallen mir erst seit diesem Sommer, also seit ich mir mit einer Reise dorthin endlich einen lang gehegten Traum erfüllt habe (und meine riesengroßen Erwartungen noch weit übertroffen wurden), die passenden Bücher, Essays und Filme dutzendfach vor die Füße. Ich komme ja kaum noch nach mit lesen, aber am liebsten würde ich sowieso in den Herbstferien wieder nach Tel Aviv fliegen. In diese faszinierende Stadt,  genannt auch das New York des Ostens. Schmelztiegel unzähliger Nationen und Kulturen, mit der so typischen Bauhausarchitektur aus den 30er Jahren, Wolkenkratzer außerdem sowie eine der längsten und schönsten Strandpromenaden weltweit. Lifestyle, Kultur, alles vom Feinsten und selbst im Winter werden locker 20 Grad erreicht. Dann noch Jaffa, ach ja Jaffa, wunderbares Jaffa, der arabische Vorort Tel Avivs, zum Auswandern schön.

Zwei besonders beeindruckende Bücher über Palästina und Israel: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis von Amos Oz, vergleichsweise ein alter Hut, nichtsdestotrotz schlicht großartig. Außerdem das fantastische Buch der palästinensischen Schriftstellerin Susan Abulhawa, Während die Welt schlief, das mich so manche Nacht um meinen Schlaf gebracht hat.

Passend zum Thema und ebenfalls absolut empfehlenswert ist die Ausstellung Breaking the Silence, die momentan im Willy-Brandt-Haus zu sehen ist.

Das Schweigen brechen, Breaking the Silence, auf Hebräisch Schowrim Schtika ist eine Organisation, die 2004 von jungen Soldaten der israelischen Armee gegründet wurde.

„Schnappschüsse“ sind dort zu sehen, die ursprünglich nur für den Privatbesitz gedacht waren, verstörende Bilder und Berichte aus dem Besatzungsalltag, eine Dokumentation der täglichen Schikanen von Soldaten gegenüber der palästinensischen Bevölkerung. Durch die Ausstellung führen junge Israelis, ehemalige Soldaten, die berichten was sie gesehen und selber getan haben und wie sich dadurch die eigenen moralischen Grenzen verschoben haben. Es sind immer wieder diese persönlichen Grenzen, von denen der  27-jährige Nadav während der Führung berichtet. Er war in der Westbank stationiert. Wie es ihm zuerst komisch und falsch vorgekommen ist, mit Maschinengewehr im Anschlag Palästinenser zu durchsuchen, wie es dann aber zur Gewohnheit wurde, Alltag halt. `Irgendwann weißt du nicht mehr, was richtig und falsch ist, was ist gut, was böse`, erzählt Nadav, `und dann hörst du eines Tages auf, die Palästinenser als Menschen zu sehen`.

Er berichtet von Schikane und Willkür. Bloßstellen. Verbundene Augen. Stundenlanges Festhalten an den Kontrollpunkten. Fanatische Siedler. Nächtliches  Eindringen in fremde Häuser. Permanente Kontrolle. Palästinensische Kinder, die sich aus Angst vor den israelischen Soldaten in die Hose machen. Normal. Alltag.

Die Veröffentlichung der Fotos, die schonungslosen Berichte der Soldaten hat Breaking the Silence zu einem führenden Akteur der israelischen Friedensbewegung gemacht. Der Gegenwind aus den eigenen Regierungskreisen bläst momentan besonders heftig. Nestbeschmutzer, unpatriotische Linke, so schallt es.

Nadav: „Verbieten können sie uns nicht. Israel ist immer noch eine Demokratie.“

Unbedingt sehenswert diese Ausstellung!

Zeruya Shalev – Lesung im Jüdischen Museum

Letzten Montag stellte Zeruya Shalev ihren neuen Roman Für den Rest des Lebens (Berlin Verlag) im Jüdischen Museum vor.

Begleitet wurde sie von der Schauspielerin Maria Schrader (die 2006 ihr Regiedebüt mit der Verfilmung von Zeruya Shalevs Roman Liebesleben gab) sowie der Literaturwissenschaftlerin und Herausgeberin der Literarischen Welt, Rachel Salamander.

Eine grandiose Schriftstellerin, drei kluge und schöne Frauen, ein ganz besonderer Ort für eine Lesung: meine Vorfreude war riesengroß und die Erwartung immens. Ich neige zum Schwärmen, man sagt es mir oft. Und ja, ich weiß, große Worte sollten besser sparsam verwendet werden. Das geht hier aber nicht.

Absatz. Trommelwirbel. Und Tusch.

Der Abend war so großartig- und er wirkt immer noch nach. Ich bin bezaubert und berührt.

Für Zeruya Shalev ist Familie das ganz große Thema. Es geht um Verstrickungen, Sehnsüchte, Ängste, Wünsche und enttäuschte Erwartungen. Um widersprüchliche Gefühlswelten, geschrieben in einem derart faszinierenden Stil, dass ich ihre Bücher nur höchst ungern aus der Hand lege, wenn ich einmal begonnen habe.

Ursprünglich, so erzählt Zeruya Shalev an diesem Abend im Interview mit Rachel Salamander, wollte sie nur die Geschichte einer alten Frau auf dem Sterbebett erzählen, einer Frau, die ihr Leben Revue passieren lässt, sich an ihre Kindheit im Kibbuz erinnert. Die voller Wehmut an ihre beiden erwachsenen Kinder, Avner und Dina, denkt, von denen sie eines „zu viel“, das andere „zu wenig“ geliebt hat.

Beim Schreiben sei ihr, Zeruya, dann aber aufgefallen, wie wichtig für die Geschichte auch die Gefühlswelten dieser Kinder sind. Und so lernt der Leser also den Sohn Avner kennen, einen Anwalt für Menschenrechte, gefangen in einer unglücklichen Ehe.

Und Dina, Mitte 40, verheiratet, eine Tochter. Dieser hat sie bisher ihre ganze Liebe und Aufmerksamkeit zukommen lassen, jetzt aber geht ihre geliebte „Kleine“ eigene Wege, nicht mehr lange und sie wird von zu Hause ausziehen.

Wie wird Dina dann den Rest des Lebens verbringen? In ihr wächst der Wunsch, ein Kind zu adoptieren- Ehemann und Tochter sind jedoch entsetzt und vehement dagegen…

Dass Maria Schrader eine begnadete Vorleserin ist, weiß ich spätestens seit ihrer Lesung letztes Jahr mit Siri Hustvedt. Auch diesmal hätte ich ihr wieder die ganze Nacht lang zuhören können.

Insbesondere der Teil, wo Dina versucht ihren Ehemann von den Vorteilen einer Adoption zu überzeugen, hat in seiner Intensität garantiert nicht nur mir die Tränen in die Augen getrieben.

In dem Roman geht es auch um Israel, seine Geschichte, die schwierige Gegenwart.

Zeruya Shalev, die 2004 bei einem Selbstmordattentat schwer verletzt wurde, erzählt gegen Ende des Abends, dass dieses Buch ihr bislang optimistischstes Werk sei. Geht es doch um Versöhnung, neue Chancen und Liebe. Wenn es in Familien gelingen kann, im kleinsten Kosmos, besteht dann nicht auch Hoffnung auf eine Lösung im großen Rahmen?

Die politische Situation in Israel ist bedrohlich, die Menschen sind nervös. „Wir sind neurotischer als andere“, sagt sie. Aber wenn der Tod allgegenwärtig ist, reagieren die Menschen dort in Israel mit ihrer eigenen Art darauf, nämlich, indem sie das Leben richtig auskosten, es in sich aufsaugen.

Am Schluss liest Zeruya noch eine Seite ihres Romans auf Hebräisch. Und besser hätte man diesen besonderen Abend nun wirklich nicht beenden können.

Während die anderen Zuhörer jetzt Schlange nach Autogrammen stehen, bleibe ich einfach sitzen. Im Sommer fahre ich zum ersten Mal in meinem Leben nach Israel, und erfülle mir damit einen lang gehegten Traum. Nach dieser Lesung freue ich mich noch mehr darauf.