Amos Oz im Berliner Ensemble

Gerade mit blutigen Füssen, leichtem Wehmutsgefühl und schwerem Kopf von der Leipziger Buchmesse zurückgekehrt, ging es Sonntagabend in Berlin direktemang weiter mit den Terminen rund ums Thema Literatur und Buch.

Amos Oz, auch gerade noch in Leipzig zu Gast, las nämlich im BE aus seinem neuen Roman Judas.

Anwesenheit war für mich hier Ehrensache.

Für die anbetungswürdige Lesung aus der deutschen Übersetzung, für die Mirjam Pressler gerade mit dem Leipziger Buchmessepreis 2015 ausgezeichnet wurde, war kein Geringerer als Christian Brückner verantwortlich.

 

Hausherr Claus Peymann begrüßte seinen Gast mit warmen Worten und das Publikum mit einer furiosen Ansprache.

Ulla Unseld-Berkéwicz fand anschließend einfühlsame Worte zum Werk Amos Oz’, und dann ging’s so richtig los.

Vorab: Die zweieinhalb Stunden sind verflogen wie nichts. Ein anregender, anspruchsvoller und unterhaltsamer Abend der Extraklasse.

Merke: Amos Oz ist nicht nur in seinen Büchern, sondern auch live auf der Bühne ein brillanter und hinreißender Erzähler.

 

„Judas“ spielt in Jerusalem im Winter 1959/1960, eine Geschichte von Glaube, Liebe und Verrat.

Der 25jährige Schmuel Asch, Student, der äußerlich einem liebenswürdigen Bären gleicht, mit dichter Wolle auf Brust und Wangen, Asthmatiker zudem und Sozialist, Che Guevara und Fidel Castro Poster an der Wand, sucht einen Job.

Schmuel hat ein bisschen Pech gehabt, besser gesagt, er steckt in einer multiplen Krise: Seine Freundin hat ihn verlassen, er ist pleite und weiß nicht, wohin mit sich.

Da sieht er eine Anzeige: Ein 70jähriger behinderter Mann, Gerschom Wald, sucht einen Studenten mit historischem Wissen, mit dem er sich abends unterhalten kann.

Mit im Haushalt wohnt noch die rätselhafte Atalja, eine wunderschöne Frau, in die sich Schmuel schnell verliebt.

Es wird nicht sofort deutlich, was Gerschom und Atalja verbindet, ist sie seine Tochter, seine Geliebte, klar ist nur, dass beide durch einen tiefen Schmerz miteinander verbunden sind.

Es ist die gemeinsame Trauer um Micha, stellt sich heraus, Micha, den Sohn des einen und den Ehemann der anderen, der im Krieg von 1948 umgekommen ist. Sein Leichnam wurde bestialisch verstümmelt aufgefunden.

An Michas Schicksal entzündet sich die Frage, wie das Töten zwischen Juden und Arabern, zwischen Israelis und Palästinensern ein Ende finde könnte.

Im Kern geht es in Amos Oz’ Judas um die Figur des Verräters.

Um zwei Verräter, um genau zu sein, um Judas Ischariot zunächst, der seinen Rabbi Jesus für ein paar Silberlinge verriet.

Oz erzählt, dass er diese Geschichte aus dem Neuen Testament immer für unglaubwürdig gehalten hat. Weshalb sollte ein wohlhabender Mann wie Judas für ein bisschen Geld diesen Verrat begehen, und wieso hat er sich danach selber erhängt?

Für Oz verkörpert Judas „das Tschernobyl des Antisemitismus.“

Er sagt:

„Seit 2000 Jahren sind wir Juden für die Judenhasser Judas.

Und in manchen Sprachen, der deutschen zum Beispiel, ist Jude und Judas beinahe dasselbe Wort und es bedeutet: Verräter.“

Der andere „Verräter“ im Roman ist der Vater von Atalja, der sich einst gegen die Gründung eines jüdischen Staates ausgesprochen hat, und als Verräter gebrandmarkt von Ben Gurion persönlich aus der zionistischen Weltordnung geworfen wird.

Der Witz ist, dass laut Amos Oz, beide Verräter aus Liebe gehandelt haben.

Im Gespräch auf der Bühne des BE erzählt Amos Oz dann später, dass auch er selber, Amos, „Mitglied im Club der Verräter“ sei:

„Als „Verräter“ werden oft Menschen bezeichnet, die ihrer Zeit weit voraus sind.

Abraham Lincoln wurde als Verräter bezeichnet, als er die Sklaven befreite.

Churchill, als er die Auflösung des Britischen Empire propagierte.

Charles de Gaulle, als er Frankreich aus Nordafrika zurückzog.

Sadat, als er nach Jerusalem kam, um mit den Israelis Frieden zu schliessen.
Und Begin, sein israelischer Verhandlungspartner, ebenso.

Und Yitzhak Rabin musste für seinen „Verrat“ mit dem Leben bezahlen.

Sie sehen also, der Club der Verräter ist ein ehrenwerter Club, und ich bin sehr stolz auf meine Mitgliedschaft.“

Amos Oz hütet sich, im Roman Partei zu ergreifen, die verschiedenen Meinungen lässt er gleichwertig nebeneinander stehen, er greift nicht als schlichtende Instanz ein.

Und auf der Bühne erzählt er später den alten jüdischen Witz von zwei Juden, die sich in einem Streitfall an den Rabbi wenden.

„Hast recht“, bescheidet der Rabbi dem ersten, der seine Position darlegt.

Und zu dem zweiten, nachdem dieser seine Sicht der Dinge erzählt hat, sagt er ebenfalls: „Hast recht.“

Und seiner Ehefrau, die später zu ihm sagt, aber du kannst doch nicht beiden recht geben, antwortet der Rabbi: „Hast recht“.

In einem Interview von 2013 sagte Amos Oz:

„Es hat keinen Sinn, pro-israelisch oder pro-palästinensisch zu sein, denn beide Seiten haben Recht.

Für den Frieden muss man sein.“

Was. Für. Ein. Autor.
Was. Für. Ein. Buch.

Und hier eine kleine Hörprobe von mir. Ich spreche die beiden ersten Seiten aus dem Roman.

Judas – Amos Oz

♥ Doris

Meret Becker: Deins & Done

Als Kind hatte ich keine Poster vorn irgendwelchen Stars an den Wänden, bei mir hingen bitteschön Pferdebilder und Halfter. Ich bin noch nie bei einem Konzert vor Aufregung ohnmächtig danieder gesunken (obwohl das was hat, wenn ich’s mir gerade so überlege) und mir würde im Traum nicht einfallen, mein Nachtlager vor gewissen stores aufzuschlagen.

Anscheinend fehlt mir das gewisse Fan-Gen.

Jedoch neige ich durchaus zum Schwärmen und Schwelgen. Mein Repertoire reicht von hemmungsloser Bewunderung bis hingerissener Verzauberung. Weiterlesen

Vielen Dank für das Leben – Sibylle Berg im Berliner Ensemble

Sibylle Berg bei ihrer Lesung im BE

Muss man überhaupt noch erwähnen, was für eine absolut großartige Schriftstellerin Sibylle Berg ist?

Das Berliner Ensemble war jedenfalls letzten Montag  ausverkauft. Und bei den anderen Lesungen in Deutschland und der Schweiz soll es ja genauso gewesen sein. Es ist schön und tröstlich, zu wissen, dass diese klasse Frau von vielen Menschen gelesen und geschätzt wird. Ein durchweg sympathisches Publikum zudem, die Sibylle-Berg-Begeisterten.

Ich lese normalerweise nie Bücher mit gezücktem Bleistift. Bei Frau Berg aber sehr wohl, ganze Absätze markiere ich da, es bleibt mir gar nichts anderes übrig und so manch vorzügliche Formulierung würde ich am allerliebsten direkt an Hauswände sprühen. Oder ihre Bücher am besten gleich ganz zur allgemeinen Pflichtlektüre erklären.

Vielen Dank für das Leben heißt also ihr neuster Roman, den sie gemeinsam mit Katja Riemann, Matthias Brandt sowie der hinreißenden jungen Musikerin Mary Ocher im BE vorstellt. Und sie meint diesen Titel ganz ernst, die Frau Berg, was nicht unbedingt zu erwarten gewesen wäre. Denn der Blick, den Sibylle Berg auf die Welt hat, ist ganz sicher kein milder. Im Gegenteil. Gnadenlos und düster sind sie, ihre Gesellschaftsanalysen, dabei haargenau beobachtet. Hocheleganter Pessimismus.

Die Hauptfigur des Romans, Toto, jedenfalls hat eigentlich überhaupt keinen Grund, sich für sein Leben zu bedanken. In den 60er Jahren in der DDR als unerwünschtes Kind einer Alkoholikerin geboren, dabei keinem Geschlecht zuzuordnen, nicht Mädchen, nicht Junge. Ein Hermaphrodit also, und somit bereits schon als Baby aus der Norm und der Gesellschaft gefallen. „Es ist ein Nichts.“ Sagt im höchsten Maße angewidert dann auch der Chefarzt direkt nach der Geburt. Und so wächst Toto heran, in grauenhaften Heimen und brutalen Pflegefamilien in „dem kleinen sozialistischen Land“, in dumpfer grauer Hoffnungslosigkeit. Später gelangt er in den Westen. Aber nicht dass es da einen Deut besser zugeht. Zwei gescheiterte Systeme. Und dazwischen Toto.

Wundervolle Toto. Die bei all dem Hass und Widerwillen, die ihr allerorten entgegen schlagen immer gütig, freundlich und zugewandt bleibt. Die es glücklich macht, zu singen, aber völlig absichtslos, ohne Karriere zu wollen. Toto denkt nicht in Klischees, sie lebt nur im Augenblick und wir begleiten sie durch die Jahrzehnte mit ihren Hippies, Grufties und Hedgefonds Managern. Toto macht es nichts aus, vom Rudel ausgeschlossen zu sein, sie ist weich, liebevoll und will niemandem Schaden zufügen. Nie ist sie bitter oder zynisch. Sie ist rein und unschuldig, im allerbesten Sinne.

Seit langem hat mich keine literarische Figur mehr so gerührt wie Toto und ich bewundere Sibylle Berg wirklich sehr. Das hätte ich ihr gerne beim Signieren im BE  gesagt. Außerdem hätte ich auch gerne wissen wollen, wo sie ihre genialen Schuhe gekauft hat, die Frau Berg. Aber natürlich habe ich mich nicht getraut.