Christoph Schlingensief – Ein Abend in der Akademie der Künste Berlin

Patti Smith und Wim Wenders in der AdK

Ein ganz besonderer Abend war das, letzten Samstag in der Akademie der Künste, auf den ich mich schon lange im Voraus gefreut hatte.

Intensivstationen Christoph Schlingensief, so stand`s auf dem Programm und Anlass der Gedenkveranstaltung waren die kürzlich erschienen Memoiren „Ich weiß, ich war`s“, herausgegeben von seiner Frau Aino Laberenz, sowie die Übergabe seines Archivs an die Akademie der Künste. Um 40 Regalmeter soll es sich dabei handeln, überwiegend elektronische Medien und die Übergabe sei schon vor seinem Tod 2010 vereinbart worden, berichtete Akademie Präsident Klaus Staeck in seiner Eingangsrede.

Und dann folgten Lesungen aus „Ich weiß, ich war`s“ – sein neues Buch lege ich hiermit allen unbedingt ans Herz. Außerdem Gespräche mit Aino Laberenz, dem Verleger Helge Malchow sowie diversen Regisseuren und Wegbegleitern.

Zwischendurch wurden Filmausschnitte gezeigt, urkomisch beispielsweise, was Friedrich Küppersbusch da mitgebracht hatte („Teddy Parker“ und „Atze Hotzler“). Kurzfilme, die Christoph Schlingensief Anfang der Neunziger für „ZAK“ gedreht hatte.

Sie alle erinnerten sich also auf ihre persönliche Weise an den genialen, im besten Sinne ver-rückten, unterhaltsamen, klugen und charmanten Künstler Christoph Schlingensief, der schon mit 12 Jahren vom Film besessen war und mit Schmalfilmen experimentierte, bevor er später Assistent von Werner Nekes wurde.

In den 90er Jahren fing er dann an, Theater in Berlin zu machen, jenseits aller Normen, zunächst an der Berliner Volksbühne, bei seinem Freund Frank Castorf.

Ich weiß noch ganz genau, wie ich da 1996 Rocky Dutschke `68 gesehen habe, zusammen mit meiner Freundin Caro und wir beide irgendwie nichts kapiert haben, also null, das aber überhaupt nicht schlimm fanden. Wir wussten nur, wir sind absolut hingerissen, nicht zu erklären war das. Sophie Rois habe ich übrigens bei der Gelegenheit auch zum ersten Mal gesehen und fand sie gleich toll.

Natürlich ging es an dem Abend in der Akademie auch um Bayreuth, und was wohl Wolfgang Wagner damals geritten haben muss, als er Christoph Schlingensief als Regisseur für „Parsifal“ verpflichtete.

An dem Punkt nahm dann der Abend noch mal Fahrt auf, glücklicherweise, denn nach all den schrägen Filmausschnitten, den Gesprächen über Fluxus, Surrealismus, Aktionismus, Krebs, Glaubenszweifel, also, das wurde mir ein bisschen viel, das muss man ja auch alles verarbeiten, aber Rettung nahte. Und was für eine. Die Bühne betrat dann nämlich Wim Wenders, der eine rührende Anekdote vorlas, wie Christoph Schlingensief, der damals um jeden Preis an die Filmhochschule in München wollte, Wenders Unterstützung brauchte. Deshalb telefonierte der Oberhausener Apothekersohn Schlingensief mit dem Oberhausener Arzt Dr. Wenders, also Wims Vater, quasi Solidarität unter Medizinerkindern, damit der Vater einen Kontakt zum Sohn herstellte.

Außerdem nahm Patti Smith Platz. Die fantastische Patti Smith, die ja sowieso die Beste ist. Seit Parsifal in Bayreuth enge Freundin von Schlingensief und sie sagte schöne und weise und witzige Dinge und selbstverständlich hat sie am Ende auch gesungen, in der Akademie der Künste und das Publikum mit ihr, so auch eine A-cappela-Version von „Because the night.    Und das war magisch.

KANADA- Lesung mit Richard Ford

Richard Ford liest in der Akademie der Künste

Gestern startete in Berlin die Deutschland Lesereise anlässlich seines neuen Romans.

Der große amerikanische Schriftsteller Richard Ford, mit dem Pulitzer-Preis und PEN/Faulkner Award ausgezeichnet, stellte in der Akademie der Künste am Pariser Platz sein neues Werk KANADA vor. Begleitet wurde er dabei sowohl von seinem brillanten Übersetzer Frank Heibert, der als Moderator glänzend durch den Abend führte, als auch von Christian Brückner, völlig zu Recht  „The Voice“ genannt, Deutschlands Ausnahme-Synchronsprecher und Hörbuchproduzent (Parlando). Der Mann liest wirklich, dass ich weiche Knie bekomme, das nur mal so.

Richard Ford, der zwar französisch spricht, mit dem Deutsch lernen will es aber irgendwie noch nicht so richtig hinhauen, wurde später von Frank Heibert gefragt, wie es sich denn anfühle, das eigene Werk in fremder Sprache gelesen zu hören. Darauf antwortete er: wie Musik. Als würdest du Musik lauschen. Genau.

Also. Charismatische Herren auf der Bühne, preisgekrönt alle drei, die Akademie der Künste mit sensationellem Blick aufs erleuchtete Brandenburger Tor und exquisite Literatur: Was für ein schöner Sonntag!

Richard Ford, der äußerst entspannt, gut gelaunt und später beim Signieren geradezu herzlich wirkte, machte den Anfang und las aus Kapitel Eins, dessen erster Satz lautet: „First I´ll tell about the robbery our parents committed. Then about the murder which happened later“.

Damit geht es schon mal gut los. Erzählt wird die Geschichte von dem 15jährigen Dell, dessen Eltern nach dem missglückten Banküberfall im Gefängnis landen. Seine Zwillingsschwester läuft daraufhin davon und er selber, Dell, wird über die Grenze nach Kanada gebracht, um der Unterbringung im Heim zu entgehen. Fortan muss er also alleine in der Fremde sein Leben meistern, umgeben von allerhand skurrilen Gestalten.Kanada als Metapher für das Grenzgebiet zwischen „gut“ und „böse“, Schuld und Unschuld und wie schmal der Grad dazwischen oftmals ist. Es ist ein Buch über Demut, über das Einverstanden sein mit Unwägbarkeiten und Zufälligkeiten, die das Leben ausmachen. Wie macht man weiter, wenn einen das Schicksal aus der Bahn wirft?

Große Fragen. Und ganz große Literatur.