Stolpersteinverlegung für Familie Glasstein

Stolpersteine.

Das sind kleine Pflastersteine mit beschrifteten Messingtafeln, die in den Bürgersteig eingelassen werden, und Passanten an die Wohnorte von Menschen erinnern, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden.

Ruth Lemberger Stolpersteine

Die grandiose Idee zu diesen Gedenksteinen stammt ursprünglich von dem Kölner Künstler Gunter Demnig, der sich damit dafür einsetzt, genau an den Orten an Vertreibung und Vernichtung zu erinnern, wo sie tatsächlich ihren Ausgangspunkt nahmen:

Nämlich mitten unter uns.

Vorgestern, am 10. Juli 2015 durfte ich zum ersten Mal an einer Stolpersteinverlegung und Gedenkfeier teilnehmen.

Ein unglaublich intensives und bewegendes Ereignis, ich bin sehr dankbar, dass ich dabei sein durfte.

Die Feierlichkeit fand in der Steglitzer Dunant Grundschule statt. Geehrt wurden die ehemalige Schülerin Ruth Glassstein und ihre Eltern Hirsch und Rosa. Die 92-jährige Ruth war persönlich mit ihrer Familie aus Israel (Haifa) angereist.

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Die Verbindung von Ruth Lemberger zur Dunant Grundschule.

Ruth Lemberger wurde 1923 als Tochter von Hirsch und Rosa Glasstein geboren. Sie wohnte in der nahegelegnen Kreuznacherstraße 9, und besuchte bis zu ihrem elften Lebensjahr die Dunant Grundschule, die damals einen anderen Namen hatte.

Familie_Glasstein

Auf der Gedenkfeier erzählte sie noch einmal von ihrer glücklichen Kindheit, von ihrer besten Freundin Herma, und wie sich ihr Leben ab 1933 schlagartig änderte. Wie sie als einzige Jüdin in der Klasse ausgegrenzt wurde, und wie schlimm und unverständlich es für sie war, als Herma sie von einem Tag auf den anderen ignorierte, und nicht mehr mit ihr sprach.

Die Ausgrenzung hatte begonnen.

Klassenausflug Ruth Lemberger

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Während der Gedenkfeier erinnerte die Steglitzer Stadträtin für Kultur in ihrer Ansprache in diesem Zusammenhang an Sebastian Haffner. In seinem Buch „Geschichte eines Deutschen“ hat er das erste halbe Jahr der NS-Herrschaft als „beispiellose Umwälzung“ und „das enorme Tempo der politischen und rassistischen Maßnahmen“ beschrieben.

1934 entschied Hirsch Glasberg, gewarnt von seinem Vorgesetzten, Deutschland zu verlassen. Getarnt als Urlaubsreise erreichte die Familie Italien und schließlich von dort aus Palästina.

„Ohne alles kamen wir dort an. Konnten die Sprache nicht. Aber ich lebe noch“, sagte Ruth am Freitag auf der Gedenkfeier.

Später heiratete sie, arbeitete, bekam zwei Söhne und irgendwann besuchte sie, zunächst aus beruflichen Gründen, wieder Deutschland.

2006 stromerte sie in Berlin durch ihren alten Kiez Steglitz, sah ihr Elternhaus, ihre alte Schule, in deren Souterrain gerade ein Töpferkurs stattfand.

Die damals 83-jährige winkte, grüßte- und stieg dort kurzerhand durchs Fenster ein.

Aus dieser Begegnung entstand das preisgekrönte Buch „Der Gast, der durch das Fenster kam“.

Seit der ersten Begegnung ist Ruth Lemberger regelmäßig zu Gast an der Dunant Schule, berichtet von ihren Erfahrungen und lehrt dort Toleranz, Respekt und Mitgefühl.

Ruth Lemberger Dunant Grundschule

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Glücksfall. Gelebte Geschichte.

Als erstes Denkmal haben die Schülerinnen und Schüler im Garten einen Apfelbaum für Ruth Lemberger gepflanzt, jetzt sind die Stolpersteine für sie und ihre Eltern hinzugekommen.

Drei Generationen der Familie Lemberger waren am Freitag zur Gedenkfeier aus Haifa angereist.

Ruth. Ihre beiden Söhne mit Ehefrauen. Enkelkinder.

Nachdem die Schülerinnen und Schüler für ihre Ehrengäste getanzt, gespielt und musiziert hatten, bedankte sich Sohn Dani Lemberger in einer bewegenden Rede.

„(…) für das Übermaß an Liebe und Freundschaft für meine Mutter.“

Und er erinnerte,
„dass die Vernichtung von Millionen von Menschen möglich war, weil Menschen einer kranken Ideologie folgten, die davon ausgeht, dass manche Menschen wertvoller sind als andere.“

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Fotocredit: Gogol, Der Gast, der durch das Fenster kam, Doris Lautenbach

♥ Doris