Schneewittchen

Bilder: Lena Siebrasse

Wir gehören für immer zusammen, mein Liebster und ich. Und nichts auf der Welt wird uns jemals wieder auseinanderbringen.

Wenn man mich fragt, woran ich glaube, antworte ich stets dasselbe. Ich glaube an die wahre Liebe. Ich glaube nicht, dass man das Recht hat, von Unheil oder Krankheit verschont zu bleiben, das kann uns allen zu jeder Zeit widerfahren, aber ich glaube fest daran, dass wir alle das Recht haben, eine echte, eine erfüllende Liebe zu erleben.

Diese Geschichte handelt von einer solchen Liebe.

Aber bitte, Sie haben völlig recht. Es ist notwendig, der Reihenfolge nach zu erzählen.

Kennengelernt haben mein Liebster und ich uns auf der Terraristik Messe in Berlin. An einem sonnigen Samstagnachmittag war das und dann…

Wie bitte? Sie müssen mich hier bereits unterbrechen? Terraristik sagt Ihnen nichts? Gut, ich gebe zu, das überrascht mich jetzt ein wenig, aber natürlich kläre ich Sie gerne auf: Bei der Terraristik Messe handelt es sich um die größte Reptilienbörse Berlin-Brandenburgs, ja, tatsächlich die größte.

Sie findet einmal im Jahr statt, neuerdings in Tegel, und sie ist ein absoluter Pflichttermin, ja ein Ereignis von immenser Bedeutung für alle Reptilienliebhaber, und von denen gibt es ja bekanntlich eine Menge.

Jedenfalls, das wusste ich damals gleich, waren wir füreinander bestimmt. Frauen spüren so etwas. Es war nicht wie sonst: also wenn sich anfängliche Sympathie allmählich zu Freundschaft steigert und man dann vorsichtig weiter tastet und guckt, passt es oder passt es nicht.

Nein, dieses Mal war es ein überfallartiges leidenschaftliches Interesse. Wenn Sie verstehen. Die Franzosen nennen das wohl „Coup de foudre“.

Als er mich ansprach, mit seiner wohlklingenden Stimme, wurde mir heiß.

„Hallöchen“, hatte er gesagt, und war mit seinem Gesicht ganz nah an mich rangekommen, sein Atem fühlte sich warm an und feucht, er roch unglaublich gut, nach warmem Holz und Versprechen.

Sie werden mir sicher zustimmen, wenn ich behaupte, dass der Geruch einer anderen Person von immenser Wichtigkeit ist. Man begegnet sich, fängt an, einander zu gefallen, kleine hormonelle Botschaften werden ausgesendet, die dann durch die Nase ins Gehirn steigen und dort in einer verborgenen Windung den Sturm der Liebe entfesseln können.

Genauso war es bei mir und als er mich dazu noch anlächelte, fühlte es sich an, als wehte der Himmel herein.
„Na, was bist Du denn für `ne Schöne, hm? Und was für tolle Haare Du hast.“

Ich hatte ganz still gehalten und mich nicht zu bewegen gewagt. Keinen
Mucks konnte ich von mir geben. Meine Beine hatten jedenfalls gezittert, das weiß ich noch ganz genau, aber ich glaube nicht, dass das den Leuten um uns herum aufgefallen war.

Wäre in diesem Augenblick eine Fee herabgeschwebt mit blendendem Glanze und Zauberstab, ich hätte mich nicht gewundert. Schließlich war soeben mein sehnlichster Wunsch in Erfüllung gegangen.

Meine Sinnesorgane sehnten sich danach, von ihm berührt zu werden. Ich spreche da jetzt ganz offen zu Ihnen. Mit seinen weichen Fingerspitzen sollte er über meinen ganzen Körper streichen, und… ach, lassen wir das erst einmal. Jedenfalls war mir so etwas vorher noch nie passiert.

Ich wollte mich gleich an ihn schmiegen, ihm so nah wie möglich sein.
Gleichzeitig wusste ich aber, dass ich die Sache langsam angehen lassen muss, es zu Beginn keinesfalls überstürzen, das habe ich von meiner Mama gelernt.

Und auch, dass Menschen manchmal zu Beginn etwas, wie soll ich sagen, hmm, unsicher in unserer Gegenwart sind, und Männer ganz besonders. Ich machte also erstmal langsam, ich wusste ja, dass ich mich auf meine Ausstrahlung verlassen kann.
Verzeihen Sie, wenn es etwas eitel klingt, aber ich bin mir meiner Aura durchaus bewusst.

Sie zieht gewisse Männer nun mal einfach an, meine geheimnisvolle Aura. So wie der Honig eben zuverlässig die Bären anzieht. So will es das Naturgesetz.

Und Männer, die gerne ein bisschen mit dem Feuer spielen, die das Exotische lieben, das Gefährliche: diese Art von Männern ist uns gegenüber machtlos.

Trotzdem hatte es jeden Funken meiner Selbstbeherrschung gefordert, eine ausdruckslose Miene zu wahren, während über meinen Preis verhandelt worden war.

Die beiden wurden sich rasch einig, mein Verkäufer antwortete kompetent auf alle Fragen und machte ein faires Angebot.

Und dann gehörte ich ihm. Mein Liebster nahm mich mit nach Hause.

Er fuhr ganz vorsichtig, weil ich ja nicht angeschnallt war und während der Fahrt schaute er immer wieder zu mir, murmelte, wie schön ich sei und dass ich ihm sofort aufgefallen sei und dass ich von ihm alles bekäme, was ich mir wünschte und dass wir von nun an zusammen bleiben würden.

Am liebsten hätte ich mich gehäutet vor Glück. Jetzt würde unser gemeinsames Leben beginnen.
Er nannte mich Schneewittchen. Naja. Ein wenig kitschig. Aber Geschmackssache.

Und es lag ja nahe. Schließlich haben wir Vogelspinnen nun einmal seidiges, schwarzes Haar. Und böse Königinnen gibt es ebenfalls in unserer Gattung, aber das ist eine völlig andere Geschichte.

Jedenfalls trug er mich auf seinen großen Händen in den dritten Stock und setzte mich behutsam in mein Terrarium unter dem Fenster. Alles war perfekt für meinen Einzug vorbereitet, er hatte an alles gedacht.

Die weitverbreitete Ansicht, wir Spinnen seien relativ anspruchslos, was unsere Bedürfnisse angeht, ist eine Mär, die ich an dieser Stelle energisch korrigieren möchte!

Auch wenn wir zugegebenermaßen gerne stundenlang herumsitzen, träumen und auf Beute lauern, in einem ansprechenden Ambiente macht das einfach mehr Spaß.

Ich inspizierte die Versteckmöglichkeiten und Unterschlupfe, wunderbar, frisches Wasser, vorhanden, und die Rückwand des Terrariums war aus Kokosbast gefertigt, bestens. Und sogar einen Terrarienheizstrahler gab es, auch wenn ich den jetzt noch nicht benötigte, schließlich hatten wir Juli, seit Wochen wurde die Dreißig Grad Marke nicht unterschritten und viele Leute beschwerten sich über die Hitze.

Wer konnte, verließ die Stadt.

Mein Liebster nicht. Natürlich nicht. Er war der mediterrane Typ Mann, der die Hitze liebt, genau wie ich, das hatte ich sofort erkannt. Eine weitere Gemeinsamkeit. Je heißer, desto besser.

Er hatte sich auch sofort nach dem Besuch auf der Terraristik-Messe umgezogen, raus aus den Jeans trug er jetzt sehr kurze, enganliegende Shorts.

Ich bewunderte seine braunen muskulösen Waden, konnte meine Augen kaum abwenden.

Man merkte sofort, dass mein Liebster erfahren war im Umgang mit Vogelspinnen. Mit Sicherheit war ich nicht seine Erste, schoss mir durch den Kopf, vor mir hatte es auf jeden Fall andere gegeben.

Ich versuchte, den Gedanken an meine Vorgängerinnen zu verdrängen. Keine von ihnen hätte mir jemals das Wasser reichen können, redete ich mir leise beruhigend zu.

Und jetzt gab es sowieso nur noch uns Beide, das war alles, was zählte!

„Wirst sehen, Du wirst dich hier ganz schnell einleben, mach es dir gemütlich, Du süßes Schneewittchen“, sagte er und ging dann mit seinen muskelbepackten Beinen in die Küche, um für sich ein eiskaltes Bier zu holen und für mich eine frische Fauchschabe, die er mit einer Futterpinzette in mein Terrarium setzte.

Natürlich war er ein Mann, der Futtertiere selber züchtete und nicht irgendetwas Minderwertiges im Terrarienfachgeschäft eingekaufte. Für die Ahnungslosen unter Ihnen, wir Vogelspinnen nehmen ausschließlich Lebendfutter zu uns. Heimchen, Zweifleckgrillen, Heuschrecken und Fauchschaben sind echte Delikatessen.

Mein Liebster nahm einen Schluck von seinem Bier und beobachtete, wie ich jede Bewegung der Beute in meinem Terrarium registrierte, den richtigen Moment abpasste und dann blitzschnell zuschlug. Es dauerte ein paar Minuten bis sie an meinem tödlichen Giftcocktail verendete, währenddessen begann ich schon mal mit dem Verspeisen.

Mein Liebster beobachtete mich fasziniert, er wischte sich den Bierschaum vom Mund und meinte: „Schneewittchen, du bist richtig richtig geil, weiß du das.“

So ging das eine ganze Weile, bis sein Urlaub vorbei war.

Jetzt war er tagsüber an der Arbeit, was mich nicht störte, da ich sowieso eher nachtaktiv bin, in jeder Hinsicht.

Tagsüber döste ich also, baute und dekorierte mein Terrarium nach meinen Vorlieben um, indem ich Steine, Äste, Wurzeln und Blätter neu arrangierte. Stundenlang saß ich in meiner Wohnhöhle und produzierte Spinnseide, die ich sorgfältig versteckte. Wozu ich diese gigantischen Mengen herstellte, wusste ich gar nicht genau, aber es war eine befriedigende Beschäftigung, die mich ausfüllte.

Ich summte während der Arbeit, bis ich abends endlich wieder den Schlüssel hörte, und mein Liebster heim kam.

Weil es immer noch so heiß war, ging er als erstes unter die Dusche und setzte sich dann mit noch feuchter Haut und seinen engen Shorts in den Sessel ans offene Fenster. Wir schauten uns tief in die Augen, während er sein erstes Bier trank und mir dann von seinem Tag im Büro erzählte, von seinem ungerechten Chef, den unfähigen Kollegen und den blöden Kunden.

In diesen Momenten fühlte ich mich so richtig geborgen, wie ein Baby im Arm seiner Mutter.

„Ach meine süße Schnee“, seufzte er dann, er war längst dazu übergegangen, mich bei diesem Kosenamen zu rufen, „Süße Schnee, würde mir doch nur jemand anderes so interessiert zuhören wie du.“

Ich wusste überhaupt nicht, was er wollte. Alles war doch genauso perfekt wie es war.

Alles lief prima, wir waren ein attraktives Paar, er hatte einen Job, eine große Wohnung, es gab Bier und reichlich Fauchschaben.

Was denn nun noch? Ich dachte auch, er hätte es begriffen.

Dass man sich lieben kann, auch wenn man einer ganz andren Art angehört.

Aber ihm war das anscheinend nicht genug. Er wollte mehr. Er wollte eine „richtige“ Frau.

Und eines Abends brachte er Carola mit nach Hause. Ich hasste Carola.

Sie sah aus wie alle Frauen aussehen, irgendwie primitiv. Außerdem hatte sie ein gemeines Lachen und breite Hüften. Ich sah sofort, dass sie nichts taugte mit ihren künstlichen Fingernägeln und den falschen Wimpern, die so dick waren wie Spinnenbeine.

Später am Abend, mein Liebster und Carola hatten schon ziemlich viel getrunken, wankte sie durchs Zimmer und entdeckte mich in meinem Terrarium.

„Gitt Alda, was das denn, Tarantula, oder was?“

Sie lallte schon etwas und pustete den Rauch ihrer Zigarette in meine Richtung, es roch süß und grasig, mir wurde schwindelig, meine tastempfindlichen Borstenhaare reagierten empfindlich.

Mir war völlig unverständlich, wie mein Liebster sich auf ein derart unterirdisches Niveau hatte begeben können. Ungefähr so unverständlich wie die Unendlichkeit des Weltalls.

„Ey, voll ekelig, ey“, sagte sie und musterte mich hohl.

Sie redete wie eine Hirngeschädigte, es war so deprimierend und ich fühlte mich, als würde mein Herz Blei anstelle von Blut durch meine Adern pumpen.

Das Schlimmste war, dass mein Liebster nichts zu meiner Verteidigung sagte.

Er lachte nur dümmlich, nannte nicht einmal meinen Namen, stellte uns einander nicht vor, füllte stattdessen erneut die Gläser und fing an, vor meinen Augen mit Carola rumzumachen.

Er betrog mich mit einer anderen auf dem Teppich. Direkt vor meinen Augen. Es war so peinlich. So banal.

Sie hatten das Fenster geschlossen, wollten wohl nicht, dass die Nachbarn etwas von ihrem Gewimmer und Gestöhne mitkriegten. Der Schweiß lief an ihnen runter, die Luft war ranzig und schwer von menschlichen Ausdünstungen, ich konnte kaum atmen.

Und dann, irgendwann, vergrub mein Liebster seine Hände in Carolas Haar und keuchte: „Du bist richtig richtig geil, weißt du das.“

Und das war zuviel.

Hatte ich zuerst gedacht, ich würde über diesen Fehltritt hinwegkommen, ihn als kleinen menschlichen Faux pas buchen, sollte er sich doch meinetwegen bei Carola Clamydien holen, soviel er wollte,- doch dieser eine Satz änderte alles.

Du bist richtig geil. Denn das war unser Satz.

Den durfte er keiner anderen sagen. Mein Kampfgeist erwachte. Er hatte schließlich gesagt, wir würden für immer zusammen bleiben. Das war sein Versprechen gewesen und auch wenn Menschen anscheinend oftmals nicht wissen, was sie versprechen, so müssen sie es doch trotzdem halten. Oder? Liebe ist, das Versprechen trotzdem zu halten.

Mein Liebster gehört mir, mir alleine.

Später brachte er Carola zur Tür und versprach ihr, sie am nächsten Tag anzurufen.

Er hat sie nicht angerufen. Sie hat nie wieder etwas von ihm gehört.

Nachdem mein Liebster die Frau verabschiedet hatte, den restlichen Wein direkt aus der Flasche getrunken hatte, war er rücklings auf sein Bett gefallen und sofort mit offenem Mund und mit allen Vieren von sich gestreckt eingeschlafen.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt längst mein Terrarium verlassen, die Rückwand aus Kokosbast stellte nun wirklich kein ernstzunehmendes Hindernis da.

Ich näherte mich ihm ganz vorsichtig, kletterte bedacht aufs Bett und lief zart über seinen nackten Körper.

Eine kleine Lektion wollte ich ihm erteilen, zur Strafe, dass er mich derart gedemütigt hatte. Mich, die ich doch so sensibel bin und die ihm alles geschenkt hatte.

Nur ein winziger Biss. Der Kuss der Spinnenfrau sozusagen.

Ich injizierte behutsam mein Gift.

Seine Reaktion fiel anders aus als erwartet.

Er fing an zu zucken, seine Augäpfel rollten nach oben, so dass man nur noch das Weiße sah, auf seinem Körper erschienen rote Quaddeln und mir wurde klar, dass er allergisch auf meinen Saft reagierte.

Ein Anaphylaktischer Schock, der allergische Extremfall.

Er atmete schwer, er hyperventilierte, ich hielt ihm Mund und Nase zu, indem ich mich draufsetzte.

Seitdem leben wir in einer perfekten Harmonie.

Ich habe begonnen, die Wohnung mit Spinnseide auszukleiden, die Fenster habe ich bereits vollständig abgehängt.

Die Fauchschaben habe ich freigelassen, sodass sie nun über den Teppich tollen und sich dort vermehren. Ich muss nur zugreifen, und meinen Durst stille ich am tropfenden Wasserhahn in der Küche.

Bald habe ich ihn vollständig eingehüllt. Meinen Liebsten. Eingehüllt in dehnbare und feste Spinnseide.

Jetzt wird uns niemand mehr stören. Wir gehören für immer zusammen.