Leon de Winter im Jüdischen Museum

Leon de Winter klein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Jüdische Museum ist ein magischer Ort.
Ich mag eigentlich alles dort…

Die Ausstellung natürlich. Und dann gibt es da ja diesen wundervollen lichtdurchfluteten Glashof im Altbau des Hauses. Stundenlang könnte ich da sitzen.

Einfach nur dasitzen und gucken und lesen (der Museumsshop! Wahnsinn. Eher eine paradiesisch sortierte Buchhandlung.)

Daneben befindet sich das entzückende Café Schmus (ist das bitte ein schöner Name für ein Café), mit all seinen raffinierten Köstlichkeiten. Die Küche ist nicht koscher, verzichtet aber auf Schweinefleisch und Krustentiere. Kommt mir gelegen.

Und dann ist da noch dieser traumhafte Garten. Klänge es nicht so abgedroschen, ich könnte mich zu dem Begriff Oase hinreißen lassen. Mit Liegestühlen und Zierapfelbäumen und einem Platanenwäldchen. Dasitzen und gucken und lesen und glücklich sein.

Sehr glücklich war ich im Jüdischen Museum, am letzten Montag, mit meiner wunderbarsten Freundin Bea.

Wir haben sogar kurz, dafür aber sehr ernsthaft, überlegt ob wir versuchen sollen, uns dort einschließen zu lassen über Nacht.
Nachts im Museum.

Mit Bea an meiner Seite: Aber sofort. Und ohne Zögern.

Bea und Doris inkl. TextMeine Bea.

She makes me so happy.

Wie man sieht.

 

 

 

 

So wie man als Kind vielleicht davon träumt, nachts in einem riesigen Spielzeugladen aus dem Vollen zu schöpfen. Sich durch eine Konditorei zu schlemmen oder nächtens in einem Schwimmbecken gefüllt mit warmen Milchreis zu schwelgen. Mhhm.

Letztes Jahr habe ich ja zum ersten Mal eine Lesung im Jüdischen Museum erlebt. Zeruya Shalev. Hier.

Und weil das so ein absolut großartiges Erlebnis war, habe ich zwischendurch  immer wieder mal geguckt, welche Autoren dort sonst noch so auftreten. Und in Folge bin ich also eher zufällig auf Leon de Winter gekommen. Gestehe ich.

Denn ich hatte ihn irgendwie gar nicht mehr auf dem Zettel.
WAS FÜR EIN FEHLER.

(Aber ist ja gut gegangen. Ich hab ihn wiederentdeckt. Und wie. Und ich bin schwer verliebt)

Ich hatte früher schon mal eine ganz intensive Leon de Winter Phase.

In der habe ich süchtig alles von ihm verschlungen. Hoffmanns Hunger zum Beispiel (fresssüchtiger Diplomat verliebt sich in Agentin, plündert nachts den Eisschrank und redet mit Spinoza).

Leo Kaplan. Zionoco. SuperTex.
Was hab ich diese Bücher alle geliebt.

Und jetzt also sein neuer Roman. „Ein gutes Herz“.

Leon de Winter hat mal gesagt:

„Ich versuche klare, einfache, spannende und unterhaltsame Geschichten zu schreiben. Wenn ich anfange zu schreiben, ist das lustig und erfreulich, so wie man eine schöne Mahlzeit zubereitet und beim Kochen lächelt.“

Diesen Satz hab ich mir vor Jahren mal aufgeschrieben.

Weil ich den so schön finde.

Weil es sonst bei Schriftstellern häufig heißt, wie mühselig und schwer das Schreiben ist. Wie schmerzhaft. Und anstrengend.

Da wird nicht gelächelt beim Schreiben. Da wird gelitten.

Aber zurück zur fantastischen Lesung von Leon de Winter am vergangenen Montag.

Der Saal ist voll und die Stimmung vorfreudig. Die einleitenden Worte spricht Rachel Salamander, zwischen zwei Kapiteln wird sie sich später mit Leon de Winter über den Roman unterhalten.
Der Autor spricht hervorragend deutsch. Selbstverständlich liest er selber. Und er macht das so wunderbar, verdammt, kann der Mann gut lesen und seinen holländischen Akzent finde ich ja zum Niederknien charmant.

Der Plot ist komplett irrwitzig.

-Ein jüdischer Gangster und Dealer mit dem Spendeherz eines schwarzen Priesters.

-Marokkanische Terroristen. Kinder fast noch. Und beinahe liebevoll beschrieben.

-Eine Flugzeugentführung. Die Amsterdamer Oper fliegt in die Luft. Der ermordete Theo van Gogh muss als Schutzengel entscheidend eingreifen (im wahren Leben ist dieser der Erzfeind von de Winter gewesen. Van Gogh hat ihn zeitlebens aufs Schlimmste und Widerlichste beleidigt).

-Eine Liebesgeschichte.

-Väter-Söhne-Beziehungen (generell eines der Hauptthemen bei Leon de Winter).

-Eine Collage aus wirklichen und fiktiven Personen.
Leon de Winter höchst Selbst taucht auf. Ebenso Job Cohen und Piet Donner zum Beispiel. In der Geschichte wird der Schriftsteller Leon de Winter, übergewichtig, geschwätzig, schlecht im Bett von seiner Frau Jessica Durlacher verlassen…

…und, ach, so viel mehr. Ihr müsst es selber lesen. Unbedingt.

Es ist ein wirklich großartiges Buch. Eine Wundertüte von Buch.

Ich weiß, vom Standpunkt einer Literaturkritikerin reicht es nicht, zu sagen: Es ist großartig.

Man muss es begründen und darlegen, oder wenigstens so tun, als wäre man dazu in der Lage.

Aber da ich keine Literaturkritikerin bin, sondern eine Leserin, kann ich sagen was ich möchte und erlaube mir, nach einem ganz einfachen Kriterium vorzugehen. Nämlich: ich mag es. Oder ich mag es nicht.

Bei Leon de Winters Lesung dachte ich die ganze Zeit:

„Mach, dass es noch ganz lange geht“
„Er soll bitte, bitte nicht aufhören zu lesen.“

Und am Schluss hätte ich am liebsten wie eine 5-jährige mit dem Fuß aufgestampft:

„Es soll nicht vorbei sein. Manno.“

Und genauso geht’s mir jetzt mit dem Buch, das ich übrigens schon fünfmal verschenkt habe. Bis jetzt.

Ich hab selber jetzt noch etwa zehn Seiten vor mir. Das ist so schrecklich wenig und ich lese schon so laaaangsam wie nur irgend möglich.

Nach vollendeter Lektüre werde ich wohl noch mal von vorne anfangen.

♥ Doris