Joanna Bator//Sandberg

Cover Sandberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anstatt in den ersten Mai zu tanzen oder zu brandschatzen, habe ich gestern Nacht lieber den preisgekrönten Roman der polnischen Autorin Joanna Bator ausgelesen.

Und könnte im Prinzip sofort noch mal von vorne beginnen, würde hier nicht ein sehr verführerischer Stapel noch auf mich wartender Bücher winken und leise meinen Namen rufen.

Und deshalb empfehle ich „Sandberg“ eben einfach schnell an euch weiter.

Bitte gerne.

„Sandberg“ ist ein Roman über drei Generationen. Es geht um die Träume, Ängste und Hoffnungen einer von Krieg und Flucht traumatisierten Generation.

Und um die Rebellion und Freiheitssehnsucht ihrer Kinder.

Erzählt wird aus unterschiedlichen Perspektiven. Im Vordergrund stehen Frauen aus drei Generationen.

Großmutter. Tochter. Enkelin.

Die Männer kommen in diesem Roman nicht besonders gut weg. Sie sind großmäulig mit albernen Machtspielchen beschäftigt, treten im Morgengrauen rinderherdenweise zur Schicht im Bergbau an und lassen sich nach Feierabend in der Kneipe und vor dem Fernseher dumpf volllaufen.

Sandberg. Das ist der deutsche Name (im Original: Piaskowa Góra) einer heruntergekommene Plattenbausiedlung am Rande einer Kleinstadt im sozialistischen Polen.

Es geht um die Katastrophen und Wirren, die das Land und die Menschen dort im 20. Jahrhundert erleben mussten.

Die NS-Zeiten, der Krieg, die Traumata der Vergangenheit, sind genauso allgegenwärtig wie die Unfreiheit der menschenverachtenden Gegenwart. Mit seinem Suff. Der Armut. Der x-ten Abtreibung. Dem Schlangestehen.

Der öde, sozialistische Alltag wird beschrieben, und der über allem schwebende allgegenwärtige Katholizismus.

Später dann kommt die Konsumwelt des ehemaligen Feindes, der „BeErDe“, als Ersatzreligion daher.

Sandberg liegt nämlich so nahe der deutschen Grenze, dass der Wind manchmal bunte Schokoladenpapierchen herüberweht und nicht wenige Frauen von gutverdienenden Partnern aus Castrop-Rauxel träumen, genauso, wie sie sich Nylonstrümpfe ersehnen.

Nur Dominika, die Enkelin, nicht.

Sie ist eine Außenseiterin. Die sich abgestoßen fühlt vom Dreck, den Kleingeistern und ihrer von Kirche und Konsumwahn verblendeten Umgebung.

Das alles geht sie nichts an, sie will damit nichts zu tun haben. Sie fühlt sich vielmehr hingezogen zu den anderen „Außenseitern“ in dieser manipulierten Gesellschaft. Zu dem Sohn griechischer Gastarbeiter beispielsweise. Oder zu ihrer lesbischen Freundin.

Dominika setzt alles dran, sich aus dem Gespinst der allgemeinen Lebenslügen zu befreien. Auch aus denen ihrer eigenen Familien.

Geschrieben ist dieser herausragende Roman von Joanna Bator in einer reichen und sinnlichen Sprache.

Die Stilsicherheit und mitleidlose Beobachtungsgabe der Autorin empfinde ich als anbetungswürdig, und ihre giftige Ironie und der schwarzem Humor sind genau meine Abteilung.

Joanna Bator ist Hochschuldozentin und lebt in Polen und Japan.

Joanna Bator

Fotocredit PAP/ Rafael Guz

♥ Doris