Ihre Version des Spiels

Corinna Harfouch im Deutschen Theater

Es war die wichtigste Berliner Uraufführung der Saison, so heißt es.

Normalerweise ist mir einerlei, was es so heißt und beim höchsten Steigerungsgrad von Eigenschaftswörtern, Superlativen wie „wichtigste“ werde ich grundsätzlich misstrauisch. Aber in diesem besonderen Fall wollte auch ich unbedingt das neue Stück von Yasmina Reza im Deutschen Theater sehen. Yasmina Reza, die französische Erfolgsautorin und meistgespielte Dramatikerin der Gegenwart, verehre ich über die Maßen und es war sonnenklar, dass die Karten für „Ihre Version des Spiels“ im null Komma nichts ausverkauft sein würden. Und genauso ist es, keine Karten mehr erhältlich für den ganzen Oktober und ich bin wahrlich glücklich, buchstäblich in letzter Sekunde noch welche ergattert zu haben.

Ihre Werke hebt Yasmina Reza ja mit Vorliebe in deutscher Sprache aus der Taufe, so geschehen mit „Drei Mal Leben“ am Wiener Burgtheater (Regie Luc Bondy), „Der Gott des Gemetzels“ am Züricher Schauspielhaus (Jürgen Gosch) und jetzt also „Ihre Version des Spiels“ unter Stephan Kimmig im Deutschen Theater.

Voilà. Wir sind in der französischen Provinz, wo der eifrige und verklemmte Bibliothekar Roland Boulanger  die preisgekrönte, scheue Schriftstellerin Nathalie Oppenheimer  in die Mehrzweckhalle geladen hat, damit diese ihren Roman Im Land des Überdrusses dort vorstellen kann und etwas literarischen Glanz in die piefige Kleinstadt bringt. Boulanger führt als Moderator durch den Abend und Alexander Khuon spielt ihn wunderbar, eifrig und bemüht, platzt schier vor Begeisterung ob seines berühmten Gastes und spult im irrsinnigen Tempo seine auswendig gelernten Floskeln hinunter. Ihm zur Seite, in hohen Stiefeln, die wahre Herrscherin der Mehrzweckhalle, die Starjournalistin des Feuilletons Rosanna Ertel-Keval, die sich vorgenommen hat, die Schriftstellerin so richtig in die Zange zu nehmen. Privates will sie um jeden Preis entlocken, Parallelen zwischen Roman und Leben müssen partout aufgedeckt werden. Ganz wunderbar auch sie, Katrin Wichmann, die Selbstgefälligkeit und Eitelkeit par excellence verkörpert und in Nebensätzen einfließen lässt, wie bestens vernetzt sie doch ist und wie ihr „der Julian“ (gemeint ist Julian Barnes) einst ein Gedicht widmete und sie demnächst auch wieder „den Philip“ (Philip Roth, naturelement) treffen wird.

Ihr Lieblingssatz, wenn sich die bedrängte Schriftstellerin vor Unbehagen schon windet: „Ich muss da trotzdem noch mal nachhaken“.

Die Sensation aber ist Corinna Harfouch als Schriftstellerin. All die zunächst winzigen Gesten der Anspannung, der deutliche Widerwille später, ihre Fahrigkeit, schließlich das Hinunterstürzen des Weins, ihr erniedrigter und gequälter Gesichtsausdruck in Großleinwand, das ist schlicht phantastisch.

Nach der Lesung, bei süßer Bowle und trockenen Chips kommt es dann zum weinseligen Showdown, ein furioses Besäufnis mit dem geschwätzigen Bürgermeister (Sven Lehmann), die letzten zivilisatorischen  Masken fallen und die Fassaden bröckeln vollends.

Egal wie man das Stück jetzt deuten mag und spekulieren will, wie viel von der scheuen Yasmina Reza, die Interviews hasst, nie auf Lesereise geht und „am liebsten nur schreiben möchte, ohne etwas dazu sagen zu müssen“ in Nathalie Oppenheim steckt; oder ob man es als bitterböse Persiflage über die Niederungen, die Eitelkeit und die Wichtigtuerei im Kulturbetrieb sieht, ist ganz zweitrangig.

Entscheidend nur: Ganz großes Theater im Deutschen Theater.