Emily, allein

Bei Elke Heidenreich schätze ich ja durchaus die Leidenschaft, mit der sie sich für das Lesen einsetzt. Dennoch: Noch nie habe ich ein Buch gekauft, weil sie es in den Himmel gelobt hat. Im Gegenteil, der Bogen, den ich um das gepriesene Werk gemacht habe, war meist extra groß.  Für meinen Geschmack erhebt sich der heidenreichsche mahnende Zeigefinger zu häufig in ihren Rezensionen und mir fehlt auch schlicht ein wenig Charme.

Unlängst las ich jedoch ihre Meinung zu Stewart O`Nans neuem Buch Emily, allein (erschienen im Januar 2012 bei Rowohlt) in der Literarischen Welt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Buch bereits gelesen und musste erstaunt feststellen, dass sie ebenso begeistert von diesem wunderbaren Autor ist wie ich.

Stewart O`Nan wurde 1961 in Pittsburgh geboren, arbeitete zunächst als Flugzeugingenieur (hat er da diese unglaubliche Präzision her?) und studierte später an der Cornell University Literaturwissenschaft. Für seinen ersten Roman Engel im Schnee  erhielt er 1993 den William-Faulkner-Preis.

Emily, allein handelt von dem vermeintlich völlig unspektakulären Leben der achtzigjährigen Emily Maxwell, die ihre Zeit gemeinsam mit dem ebenfalls hoch betagten Hund Rufus in einem überschaubaren Routine-Universum verbringt. Emilys Mann ist vor Jahren gestorben und auch die Beerdigungen im Bekanntenkreis nehmen mittlerweile beunruhigend zu.

Die Beziehung zu ihren Kindern und Enkel ist kompliziert, außerdem haben diese alle Hände voll mit dem eigenen Leben zu tun. Und so hat sich Emily eingerichtet, in ihrem Kosmos, schneidet Rabattmarken aus Zeitungen, ernährt sich von überbackenen Toasts, liest viel und hört klassische Musik. Sie ist alleine, aber nicht einsam.

Als ihre Schwägerin Arlene ins Krankenhaus eingeliefert wird, ändert sich Emilys Leben plötzlich noch einmal grundlegend. Sie überwindet ihre Angst vorm Autofahren, kauft sich ein kleines Hybridfahrzeug und genießt die ungewohnte Selbständigkeit.

Das Buch ist ein liebevolles und tiefgründiges Porträt einer alten Dame, die um ihre Würde und Selbstachtung ringt. Stewart O`Nan zeigt auf bewundernswert einfühlsame Art, dass nichts jemals aufhört, alles geht auch im Alter weiter: Die Freude über den ersten Schnee, die Krokusse im Frühling, das Bedachtsein auf die äußere Erscheinung. Trauer, Stolz, Glück, Freude, Einsamkeit, Wut, die Gefühle schlagen immer noch in alle Richtungen aus.

„Ruhe gibt es nicht, bis zum Schluss“ (wusste schon Klaus Mann).

Sehr tröstlich, finde ich.