Meine Kurzgeschichte zum Fußballwochenende

Gestern hier in Berlin DFB Pokal Endspiel, heute in Madrid Capo del Rey. Und passend dazu ein Text von mir aus dem Jahr 2012.

Scheiß auf Messi und Ronaldo

Phobie? Ich nehme mal an, Sie wissen, was das ist. Phobie stammt aus dem Griechischen und bedeutet Angst oder Abneigung. Außerdem beschreibt es in der Chemie auch die Neigung eines Stoffes, sich nicht mit Wasser zu vermischen, aber das interessiert hier nicht. „Krankhaft übersteigerte Angst“ oder sagen wir doch besser gleich Scheißangst, das trifft es meines Erachtens nämlich am allerbesten. Ich habe mich informiert und erfahren, dass die meisten Phobien ihren Ursprung in den ersten vier Lebensjahren haben.
Es gibt die Angst vor Spinnen, nicht so ungewöhnlich, würde ich meinen, die vor Wasser, vor rothaarigen Männern, vor Heuschrecken und interessant ist auch die vor glotzenden Fischköpfen auf Tellern. Angst vor Möbelzentren, vor Bananen oder Fußgängerunterführungen, ein hübscher bunter Reigen ist das, insgesamt sind wohl an die sechshundert verschiedene Arten von Phobien bekannt und es heißt, sie alle hätten mit verdrängten traumatischen Erlebnissen aus der Kindheit zu tun.
Mich hat das alles bisher überhaupt nicht interessiert, ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, meine „kleine Macke“, wie ich es betont lässig nenne, als Phobie zu bezeichnen. Schließlich bin ich beinahe sechsundzwanzig Jahre gut damit zu Rande gekommen; okay, was heißt gut, ich habe mich damit arrangiert, sagen wir so. Meine ureigene Phobie – jetzt weiß ich nämlich, dass es sich um eine solche handelt – bezieht sich auf Bälle.
Nicht, was Sie jetzt vielleicht denken. Normale Bälle, capito. Handbälle, Volleybälle, Medizinbälle. Wir verstehen das Prinzip. Eigentlich bezieht sich meine Angst auf Bälle und die dazugehörigen Spiele jeglicher Art, aber ganz besonders schlimm, besser gesagt unerträglich, ist für mich Fußball.
Ja. Da gucken Sie. Die körperlichen Symptome sind wahrlich nicht lustig, die wünsche ich fast niemandem. Ich rede hier von einem ausgetrockneten Mund, erhöhtem Pulsschlag, feuchten Fingerspitzen und einem unangenehmen Druck hinter den Augäpfeln, um nur mal die vergleichsweise harmlosen Merkmale zu beschreiben. Wenn ich dann die Situation nicht augenblicklich verlasse, überfällt mich ein, wie soll ich sagen, ja, Vernichtungsgefühl, trifft es wohl am ehesten. Einmal bin ich auch tatsächlich in Ohnmacht gefallen.
Da war ich drei Jahre alt gewesen und es passierte eines Vormittags im Kindergarten, als mir ein gleichaltriger Junge namens Benedict Prinzing einen Ball gegen die linke Wade schoss. Mit letzter Kraft schleppte ich mich zu ihm und schaffte es noch, der kleinen Pimmelbirne in den Arm zu beißen. Ich grub meine Zähne richtig tief in seinen weißen Arm mit den Sommersprossen, ließ auch nicht locker, als er mir vor Schmerzen heulend auf den Hinterkopf drosch. Erst als ich den metallischen Geschmack von Blut in meinem Mund spürte, ließ ich los und verlor das Bewusstsein.
Benedict Prinzing musste mit sechs Stichen genäht werden, es gab einen riesigen Aufstand und ich weigerte mich fortan, den Ort des Grauens, aka Kindergarten, jemals wieder zu betreten. Meine Eltern meldeten mich schließlich in einem Waldorfkindergarten an, wo die Maxime der Rudolph Steinerschen Pädagogik umgesetzt wurde: Freies, schöpferisches Spiel in einer ganzheitlich anregenden Atmosphäre. Tischlern an der Werkbank, Plastizieren, Eurythmie, Wasserfarben, längst in Vergessenheit geratene Murmelspiele und antroposophische Märchen. Mir war alles recht und selbst beim gemeinsamen Häkeln und Nähen war ich dabei ohne zu murren, bei allem machte ich widerspruchslos mit.
Was für mich zählte war einzig, dass das Fußballspielen dort hochgradig verpönt war. Auch später, ich besuchte selbstverständlich eine Waldorfschule, konnte ich dem Thema Fußball ziemlich gut aus dem Weg gehen. Groß und einigermaßen gutaussehend, war ich ausgestattet mit reichlich Selbstbewusstsein und einer scheinbaren Ruhe und Kraft, die ich dank diverser asiatischer Kampfsportarten erlernt hatte. Der Respekt der anderen Jungs war mir eigentlich immer sicher.
Bei den Mädchen punktete ich später zusätzlich, dass ich mich nicht für Fußball interessierte, wie sie alle dachten. Endlich mal einer, der nicht Samstagabend auf die Sportschau wartet, keine Grillabende bei Länderspielen und vor allem keine Bayern München Bettwäsche.
Den Sommer 2006, Sie wissen schon, Fußballweltmeisterschaft und die Welt bei uns zu Gast, verbrachte ich weit weg vom Geschehen in Island und verbreitete zuhause in Berlin, dass ich mich dort gemeinsam mit Greenpeace gegen den Walfang engagiert hätte. Diese Nachricht schlug bei den Mädchen wie eine Bombe ein und katapultierte mich in ihrer Gunst mit Lichtgeschwindigkeit an die oberste Spitze. Fortan hatte ich endgültig freie Auswahl. Kurzum, es hätte keinerlei Grund gegeben, irgendetwas gegen meine Fußballphobie zu unternehmen, wenn ich nicht irgendwann Marla kennengelernt hätte.
Marla, eine supersüße Erasmus Studentin aus Spanien, die mich eines Nachts in der U-Bahn nach dem Weg zu irgendeinem Laden fragte. Wir verbrachten ein ziemlich wüstes Wochenende miteinander, es funkte, blitzte und krachte zwischen uns. Ich hatte die Frau meines Lebens kennengelernt, und mehr gibt es dazu nicht zu sagen.
Das Schicksal aber lief zu großer Form auf an diesem einen Frühlingsabend in Berlin, als Marla kurz nach der Begrüßung mit zwei Tickets vor mir herumwedelte und ich zuerst kaum ein Wort von ihrem spanisch-deutsch Kauderwelsch verstand. Wir würden zusammen in ihre spanische Heimat fahren, erzählte sie mir atemlos, ich würde endlich ihre Familie kennenlernen, das spezielle Madrid Gefühl außerdem, sie könnte es schon gar nicht mehr erwarten, mir alles zu zeigen. Sie fiel mir um den Hals, und hier, wieder diese zwei Tickets vor meiner Nase, die hätte ihr Onkel klargemacht, sie könne es noch gar nicht fassen. El Classico der spanischen Primera División. Real Madrid gegen den FC Barcelona. Das Estadio Santiago Bernabéu, ausverkauft natürlich, 80.000 Zuschauer und sie und ich mittendrin. Gott, hatte sie schöne braune Augen, ihr Mund, ihr umwerfendes Lächeln, das mir galt, unserem gemeinsamen Aufenthalt bei ihrer Familie in Madrid, den Karten fürs EL Classico.
Und da waren sie wieder, meine Symptome. Trockener Mund, erhöhter Pulsschlag und die feuchten Fingerspitzen. Ich wusste schlagartig, dass es für mich ein Ding der Unmöglichkeit sein würde, auch nur einen Fuß in dieses verdammte Bernabeu zu setzen. Scheiß auf Messi und Ronaldo.
Ich schaltete in meiner Panik auf Autopilot, irgendwie funktionierte ich, heuchelte Freude und Überraschung, und ließ mir parallel hektisch verschiedene Fluchtmöglichkeiten durch den Kopf gehen. Ich könnte vielleicht kurz vor Abreise eine tückische Krankheit vortäuschen. „Ja, tut mir Leid, mich hat’s echt voll erwischt, Grippe. Oder besser noch: Lebensmittelvergiftung. Hätte ich doch bloß gestern nicht noch diesen ekelhaften Fisch gegessen, Mensch, ich hatte in dem Laden gleich so ein blödes Gefühl, warum hab‘ ich da bloß nicht drauf gehört.“
Ich erwog auch kurz drastische Maßnahmen. Ich könnte mir selbst etwas antun. Ich dachte an den Bericht neulich über die Soldaten, die sich in die Hand schießen oder sich kurz entschlossen den Arm brechen, alles, um nur ja nicht an die Front zu müssen. Irgendetwas Knallhartes würde ich auf jeden Fall tun müssen, keine halben Sachen, denn natürlich kann man auch mit Gips nach Madrid reisen und 39°C Fieber ist schlicht die Lächerlichste aller Ausreden.
Also tat ich das einzig Richtige. Ich machte noch am gleichen Abend mit Marla Schluss und es brach mir das Herz.
Sechs Wochen später. Der Türöffner summt, ich drücke die schwere Eingangstür auf und gehe langsam die Treppe nach oben. Eilig habe ich es nicht. Heute ist mein letzter Termin bei Doktor Richard Siegel, seines Zeichens Diplom-Psychologe und Hypnotherapeut.
Dass ich hier bin, verdanke ich meinem besten Kumpel Kalle. Nach der Trennung von Marla war ich wochenlang wie ein Zombie durch mein sogenanntes Leben gewankt, bis Kalle irgendwann die Geduld mit mir verloren hatte.
„Es wird ja wohl irgendwie möglich sein herauszufinden, wieso du diese seltsame Scheißangst vor Fußball hast, Mann“, hatte er eines Abends am Tresen zu mir gesagt und mich dabei so heftig in die Seite geboxt, dass ich mein Bier verschüttete und auf meine Zigarette biss. „Und ehrlich gesagt, kann ich deine Jammerfresse nicht mehr sehen und dein Geheule ist mittlerweile absolut unerträglich. Tu endlich was, mach meinetwegen eine Therapie oder so, hab‘ neulich übrigens erst von einem gehört, der hat nach Hypnose mit dem Rauchen aufgehört. Schlagartig. Von 60 Stück auf null. Krass, oder? Die können dir dann doch bestimmt diese Ballphobie mit links austreiben! Außerdem, du weißt doch: Eine wirklich gute Idee erkennt man daran, dass ihre Verwirklichung von vornherein ausgeschlossen erscheint!“
Ich trank von meinem Bier, boxte Kalle genauso heftig zurück, dann heulte ich wieder und umarmte ihn anschließend. Ich klammerte mich wie ein Affenbaby an ihn. Er wich genervt zurück, verdrehte die Augen, aber mir war nichts mehr peinlich.
Auf Doktor Richard Siegel, Diplom-Psychologe und Hypnotherapeut, war ich bei meiner anschließenden Internetrecherche gestoßen. Fünfmal war ich jetzt schon bei ihm, wir sind bereits ein gutes Stück weiter, und heute ist der letzte Termin. Es soll ans Eingemachte gehen.
Doktor Siegel scheint auf den ersten Blick in Ordnung zu sein. Ich finde ihn ziemlich sympathisch. Er hat silbergraue Haare und einen klaren Blick, trägt schwarze Klamotten, seine Schuhe sind blankpoliert. Er wirkt so integer, als hätte er nie fremde Hilfe in Anspruch nehmen müssen und nie einen Termin verpasst, war nie in ein Gewitter mit Platzregen geraten und hat auch nie an der falschen Kasse im Supermarkt angestanden. All die alltäglichen Probleme, mit denen man sich herumschlagen muss, scheinen ihm fremd zu sein. Er wirkt sorgenfrei. Als würde er nie ausflippen, nie Schlechtes über andere Menschen denken und nie einen Namen vergessen.
Sein Alter ist schwer zu schätzen, wahrscheinlich um die fünfzig, aber er hat die faltenlosen Wangen eines Mannes, der aller Wahrscheinlichkeit bislang ein geregeltes Leben geführt hat. Ein Leben ohne Ausschweifungen und ohne Exzesse. Ein Leben mit Buttermilch und Brokkoli und langen Radtouren durch Naturschutzgebiete, so stelle ich mir das jedenfalls vor.
Mir ist alles recht. Ich will Marla zurück und dafür muss ich wissen, was mit mir und dem Fußball los ist.
Die moderne Hypnotherapie hat mit den althergebrachten Vorstellungen von Hypnose übrigens rein gar nichts zu tun. Seit mindestens zehn Jahren gilt diese Therapieform als wissenschaftlich anerkannte Methode und ihre Wirksamkeit wurde in diversen Studien nachgewiesen, besonders geeignet ist sie bei Angstzuständen und psychischen Störungen. Hab‘ ich gelesen und Siegel hat es bei unserem Vorgespräch auch noch einmal betont.
In der Praxis begrüßt mich er mich und geht voran in das Behandlungszimmer. Es ist schlicht, ohne Bilder und Pflanzen, dafür mit einem knallroten Tisch und weißen bequemen Sesseln. Ich nehme Platz. Wenigstens keine Couch, hatte ich beim ersten Mal erleichtert gedacht, und glücklicherweise auch keine Pendel, Kerzen oder Voodoopuppen. Doktor Siegel sitzt mit einem Laptop auf den Knien neben mir.
„So. Sie kennen das ja schon“, sagt er und reibt sich lächelnd die Hände. „Wir sind in den letzten Sitzungen ziemlich weit gekommen und wissen, dass Ihre Phobie irgendetwas mit dem Urlaub in Kärnten zu tun haben muss, als Sie drei Jahre alt waren. Und da machen wir heute weiter. Ich werde Sie jetzt in Trance versetzen. Schließen Sie Ihre Augen und lehnen Sie sich zurück. Genau so. – Sie sind wieder drei Jahre alt, da ist die Wiese, auf der Sie immer mit dem kleinen Hund und dem Ball gespielt haben. Spüren Sie die warme Sonne? Sie hören die Vögel, genau, gehen Sie hinein, in das Bild … So ist das gut.“
Siegels Stimme ist freundlich und sanft, ich lausche ihr, der weiche Stoff des Sessels fühlt sich gut an, mein Körper ist angenehm müde, dafür arbeitet mein Kopf auf Hochtouren.
Einige Stunden später verlasse ich die Praxis. Äußerlich aufgelöst und derangiert und gleichzeitig ganz ruhig, innerlich. Den Auslöser meiner Angst vor Fußball haben wir gefunden: Ich war drei Jahre alt gewesen und hatte den Sommer wie jedes Jahr mit meiner Familie in Österreich verbracht. Mit dem Hund unserer Gastwirte spielte ich Ball. Ich schoss. Der Hund, es war ein Rauhaardackel, rannte aufgeregt hinterher, er hatte kleine spitze Zähne, etwas Mundgeruch und ganz weiches Fell. Ich mochte ihn sehr und manchmal durfte er sogar in meinem Bett schlafen. Wir waren auf einer Wiese. Ziemlich weit oben, auf einem Berg, da war eine Felswand und unten der Fluss. Ich schoss den Ball immer dichter an die Kante, ich kann es nicht erklären, aber ich glaube, ich habe es extra gemacht, ich wollte einfach sehen, was passiert. Wie soll ich mir das verzeihen? Jedenfalls war der Hund an diesem Nachmittag außer Rand und Band, meine ältere Schwester, die für eine Stunde auf mich aufpassen sollte, das hatten meine Eltern gesagt, meine Schwester streichelte Kälbchen auf einer Weide hinter uns, und achtete nicht auf mich. Der Fußball rollte an die Kante, der Hund stürzte hinterher, ganz knapp davor schnappte er ihn sich und brachte ihn zurück zu mir, seine braunen Augen sagten: Nochmal! Und wieder schoss ich, erstaunlich weit dieses Mal, und ich weiß jetzt wieder, wie ich „Nein!“ brüllte, damals, und der Hund zu bremsen versuchte. Aber er schlitterte weiter, die Hangkante bröckelte, überall war loses Geröll, ich stürzte hinterher, wollte den Hund, meinen lieben weichen Freund, am Halsband festzuhalten. Ich war nicht schnell genug, er strampelte, ich sah, wie seine Pfoten versuchten am Fels Halt zu finden … und dann fiel er. Er hat aufgejault, als er begriff, was mit ihm passierte.
Doktor Siegel hat mir weitere Termine empfohlen, um mit meinen verdrängten Schuldgefühlen fertig zu werden, und die werde ich ganz sicher auch wahrnehmen.
Aber jetzt muss ich sofort zu Marla. Vielleicht kann ich ja noch was retten.

© Doris Lautenbach 2012

Schneewittchen

Wir gehören für immer zusammen, mein Liebster und ich. Und nichts auf der Welt wird uns jemals wieder auseinanderbringen.

Wenn man mich fragt, woran ich glaube, antworte ich stets dasselbe. Ich glaube an die wahre Liebe. Ich glaube nicht, dass man das Recht hat, von Unheil oder Krankheit verschont zu bleiben, das kann uns allen zu jeder Zeit widerfahren, aber ich glaube fest daran, dass wir alle das Recht haben, eine echte, eine erfüllende Liebe zu erleben.

Diese Geschichte handelt von einer solchen Liebe.

Aber bitte, Sie haben völlig recht. Es ist notwendig, der Reihenfolge nach zu erzählen.

Kennengelernt haben mein Liebster und ich uns auf der Terraristik Messe in Berlin. An einem sonnigen Samstagnachmittag war das und dann…

Wie bitte? Sie müssen mich hier bereits unterbrechen? Terraristik sagt Ihnen nichts? Gut, ich gebe zu, das überrascht mich jetzt ein wenig, aber natürlich kläre ich Sie gerne auf: Bei der Terraristik Messe handelt es sich um die größte Reptilienbörse Berlin-Brandenburgs, ja, tatsächlich die größte.

Sie findet einmal im Jahr statt, neuerdings in Tegel, und sie ist ein absoluter Pflichttermin, ja ein Ereignis von immenser Bedeutung für alle Reptilienliebhaber, und von denen gibt es ja bekanntlich eine Menge.

Jedenfalls, das wusste ich damals gleich, waren wir füreinander bestimmt. Frauen spüren so etwas. Es war nicht wie sonst: also wenn sich anfängliche Sympathie allmählich zu Freundschaft steigert und man dann vorsichtig weiter tastet und guckt, passt es oder passt es nicht.

Nein, dieses Mal war es ein überfallartiges leidenschaftliches Interesse. Wenn Sie verstehen. Die Franzosen nennen das wohl „Coup de foudre“.

Als er mich ansprach, mit seiner wohlklingenden Stimme, wurde mir heiß.

„Hallöchen“, hatte er gesagt, und war mit seinem Gesicht ganz nah an mich rangekommen, sein Atem fühlte sich warm an und feucht, er roch unglaublich gut, nach warmem Holz und Versprechen.

Sie werden mir sicher zustimmen, wenn ich behaupte, dass der Geruch einer anderen Person von immenser Wichtigkeit ist. Man begegnet sich, fängt an, einander zu gefallen, kleine hormonelle Botschaften werden ausgesendet, die dann durch die Nase ins Gehirn steigen und dort in einer verborgenen Windung den Sturm der Liebe entfesseln können.

Genauso war es bei mir und als er mich dazu noch anlächelte, fühlte es sich an, als wehte der Himmel herein.
„Na, was bist Du denn für `ne Schöne, hm? Und was für tolle Haare Du hast.“

Ich hatte ganz still gehalten und mich nicht zu bewegen gewagt. Keinen
Mucks konnte ich von mir geben. Meine Beine hatten jedenfalls gezittert, das weiß ich noch ganz genau, aber ich glaube nicht, dass das den Leuten um uns herum aufgefallen war.

Wäre in diesem Augenblick eine Fee herabgeschwebt mit blendendem Glanze und Zauberstab, ich hätte mich nicht gewundert. Schließlich war soeben mein sehnlichster Wunsch in Erfüllung gegangen.

Meine Sinnesorgane sehnten sich danach, von ihm berührt zu werden. Ich spreche da jetzt ganz offen zu Ihnen. Mit seinen weichen Fingerspitzen sollte er über meinen ganzen Körper streichen, und… ach, lassen wir das erst einmal. Jedenfalls war mir so etwas vorher noch nie passiert.

Ich wollte mich gleich an ihn schmiegen, ihm so nah wie möglich sein.
Gleichzeitig wusste ich aber, dass ich die Sache langsam angehen lassen muss, es zu Beginn keinesfalls überstürzen, das habe ich von meiner Mama gelernt.

Und auch, dass Menschen manchmal zu Beginn etwas, wie soll ich sagen, hmm, unsicher in unserer Gegenwart sind, und Männer ganz besonders. Ich machte also erstmal langsam, ich wusste ja, dass ich mich auf meine Ausstrahlung verlassen kann.
Verzeihen Sie, wenn es etwas eitel klingt, aber ich bin mir meiner Aura durchaus bewusst.

Sie zieht gewisse Männer nun mal einfach an, meine geheimnisvolle Aura. So wie der Honig eben zuverlässig die Bären anzieht. So will es das Naturgesetz.

Und Männer, die gerne ein bisschen mit dem Feuer spielen, die das Exotische lieben, das Gefährliche: diese Art von Männern ist uns gegenüber machtlos.

Trotzdem hatte es jeden Funken meiner Selbstbeherrschung gefordert, eine ausdruckslose Miene zu wahren, während über meinen Preis verhandelt worden war.

Die beiden wurden sich rasch einig, mein Verkäufer antwortete kompetent auf alle Fragen und machte ein faires Angebot.

Und dann gehörte ich ihm. Mein Liebster nahm mich mit nach Hause.

Er fuhr ganz vorsichtig, weil ich ja nicht angeschnallt war und während der Fahrt schaute er immer wieder zu mir, murmelte, wie schön ich sei und dass ich ihm sofort aufgefallen sei und dass ich von ihm alles bekäme, was ich mir wünschte und dass wir von nun an zusammen bleiben würden.

Am liebsten hätte ich mich gehäutet vor Glück. Jetzt würde unser gemeinsames Leben beginnen.
Er nannte mich Schneewittchen. Naja. Ein wenig kitschig. Aber Geschmackssache.

Und es lag ja nahe. Schließlich haben wir Vogelspinnen nun einmal seidiges, schwarzes Haar. Und böse Königinnen gibt es ebenfalls in unserer Gattung, aber das ist eine völlig andere Geschichte.

Jedenfalls trug er mich auf seinen großen Händen in den dritten Stock und setzte mich behutsam in mein Terrarium unter dem Fenster. Alles war perfekt für meinen Einzug vorbereitet, er hatte an alles gedacht.

Die weitverbreitete Ansicht, wir Spinnen seien relativ anspruchslos, was unsere Bedürfnisse angeht, ist eine Mär, die ich an dieser Stelle energisch korrigieren möchte!

Auch wenn wir zugegebenermaßen gerne stundenlang herumsitzen, träumen und auf Beute lauern, in einem ansprechenden Ambiente macht das einfach mehr Spaß.

Ich inspizierte die Versteckmöglichkeiten und Unterschlupfe, wunderbar, frisches Wasser, vorhanden, und die Rückwand des Terrariums war aus Kokosbast gefertigt, bestens. Und sogar einen Terrarienheizstrahler gab es, auch wenn ich den jetzt noch nicht benötigte, schließlich hatten wir Juli, seit Wochen wurde die Dreißig Grad Marke nicht unterschritten und viele Leute beschwerten sich über die Hitze.

Wer konnte, verließ die Stadt.

Mein Liebster nicht. Natürlich nicht. Er war der mediterrane Typ Mann, der die Hitze liebt, genau wie ich, das hatte ich sofort erkannt. Eine weitere Gemeinsamkeit. Je heißer, desto besser.

Er hatte sich auch sofort nach dem Besuch auf der Terraristik-Messe umgezogen, raus aus den Jeans trug er jetzt sehr kurze, enganliegende Shorts.

Ich bewunderte seine braunen muskulösen Waden, konnte meine Augen kaum abwenden.

Man merkte sofort, dass mein Liebster erfahren war im Umgang mit Vogelspinnen. Mit Sicherheit war ich nicht seine Erste, schoss mir durch den Kopf, vor mir hatte es auf jeden Fall andere gegeben.

Ich versuchte, den Gedanken an meine Vorgängerinnen zu verdrängen. Keine von ihnen hätte mir jemals das Wasser reichen können, redete ich mir leise beruhigend zu.

Und jetzt gab es sowieso nur noch uns Beide, das war alles, was zählte!

„Wirst sehen, Du wirst dich hier ganz schnell einleben, mach es dir gemütlich, Du süßes Schneewittchen“, sagte er und ging dann mit seinen muskelbepackten Beinen in die Küche, um für sich ein eiskaltes Bier zu holen und für mich eine frische Fauchschabe, die er mit einer Futterpinzette in mein Terrarium setzte.

Natürlich war er ein Mann, der Futtertiere selber züchtete und nicht irgendetwas Minderwertiges im Terrarienfachgeschäft eingekaufte. Für die Ahnungslosen unter Ihnen, wir Vogelspinnen nehmen ausschließlich Lebendfutter zu uns. Heimchen, Zweifleckgrillen, Heuschrecken und Fauchschaben sind echte Delikatessen.

Mein Liebster nahm einen Schluck von seinem Bier und beobachtete, wie ich jede Bewegung der Beute in meinem Terrarium registrierte, den richtigen Moment abpasste und dann blitzschnell zuschlug. Es dauerte ein paar Minuten bis sie an meinem tödlichen Giftcocktail verendete, währenddessen begann ich schon mal mit dem Verspeisen.

Mein Liebster beobachtete mich fasziniert, er wischte sich den Bierschaum vom Mund und meinte: „Schneewittchen, du bist richtig richtig geil, weiß du das.“

So ging das eine ganze Weile, bis sein Urlaub vorbei war.

Jetzt war er tagsüber an der Arbeit, was mich nicht störte, da ich sowieso eher nachtaktiv bin, in jeder Hinsicht.

Tagsüber döste ich also, baute und dekorierte mein Terrarium nach meinen Vorlieben um, indem ich Steine, Äste, Wurzeln und Blätter neu arrangierte. Stundenlang saß ich in meiner Wohnhöhle und produzierte Spinnseide, die ich sorgfältig versteckte. Wozu ich diese gigantischen Mengen herstellte, wusste ich gar nicht genau, aber es war eine befriedigende Beschäftigung, die mich ausfüllte.

Ich summte während der Arbeit, bis ich abends endlich wieder den Schlüssel hörte, und mein Liebster heim kam.

Weil es immer noch so heiß war, ging er als erstes unter die Dusche und setzte sich dann mit noch feuchter Haut und seinen engen Shorts in den Sessel ans offene Fenster. Wir schauten uns tief in die Augen, während er sein erstes Bier trank und mir dann von seinem Tag im Büro erzählte, von seinem ungerechten Chef, den unfähigen Kollegen und den blöden Kunden.

In diesen Momenten fühlte ich mich so richtig geborgen, wie ein Baby im Arm seiner Mutter.

„Ach meine süße Schnee“, seufzte er dann, er war längst dazu übergegangen, mich bei diesem Kosenamen zu rufen, „Süße Schnee, würde mir doch nur jemand anderes so interessiert zuhören wie du.“

Ich wusste überhaupt nicht, was er wollte. Alles war doch genauso perfekt wie es war.

Alles lief prima, wir waren ein attraktives Paar, er hatte einen Job, eine große Wohnung, es gab Bier und reichlich Fauchschaben.

Was denn nun noch? Ich dachte auch, er hätte es begriffen.

Dass man sich lieben kann, auch wenn man einer ganz andren Art angehört.

Aber ihm war das anscheinend nicht genug. Er wollte mehr. Er wollte eine „richtige“ Frau.

Und eines Abends brachte er Carola mit nach Hause. Ich hasste Carola.

Sie sah aus wie alle Frauen aussehen, irgendwie primitiv. Außerdem hatte sie ein gemeines Lachen und breite Hüften. Ich sah sofort, dass sie nichts taugte mit ihren künstlichen Fingernägeln und den falschen Wimpern, die so dick waren wie Spinnenbeine.

Später am Abend, mein Liebster und Carola hatten schon ziemlich viel getrunken, wankte sie durchs Zimmer und entdeckte mich in meinem Terrarium.

„Gitt Alda, was das denn, Tarantula, oder was?“

Sie lallte schon etwas und pustete den Rauch ihrer Zigarette in meine Richtung, es roch süß und grasig, mir wurde schwindelig, meine tastempfindlichen Borstenhaare reagierten empfindlich.

Mir war völlig unverständlich, wie mein Liebster sich auf ein derart unterirdisches Niveau hatte begeben können. Ungefähr so unverständlich wie die Unendlichkeit des Weltalls.

„Ey, voll ekelig, ey“, sagte sie und musterte mich hohl.

Sie redete wie eine Hirngeschädigte, es war so deprimierend und ich fühlte mich, als würde mein Herz Blei anstelle von Blut durch meine Adern pumpen.

Das Schlimmste war, dass mein Liebster nichts zu meiner Verteidigung sagte.

Er lachte nur dümmlich, nannte nicht einmal meinen Namen, stellte uns einander nicht vor, füllte stattdessen erneut die Gläser und fing an, vor meinen Augen mit Carola rumzumachen.

Er betrog mich mit einer anderen auf dem Teppich. Direkt vor meinen Augen. Es war so peinlich. So banal.

Sie hatten das Fenster geschlossen, wollten wohl nicht, dass die Nachbarn etwas von ihrem Gewimmer und Gestöhne mitkriegten. Der Schweiß lief an ihnen runter, die Luft war ranzig und schwer von menschlichen Ausdünstungen, ich konnte kaum atmen.

Und dann, irgendwann, vergrub mein Liebster seine Hände in Carolas Haar und keuchte: „Du bist richtig richtig geil, weißt du das.“

Und das war zuviel.

Hatte ich zuerst gedacht, ich würde über diesen Fehltritt hinwegkommen, ihn als kleinen menschlichen Faux pas buchen, sollte er sich doch meinetwegen bei Carola Clamydien holen, soviel er wollte,- doch dieser eine Satz änderte alles.

Du bist richtig geil. Denn das war unser Satz.

Den durfte er keiner anderen sagen. Mein Kampfgeist erwachte. Er hatte schließlich gesagt, wir würden für immer zusammen bleiben. Das war sein Versprechen gewesen und auch wenn Menschen anscheinend oftmals nicht wissen, was sie versprechen, so müssen sie es doch trotzdem halten. Oder? Liebe ist, das Versprechen trotzdem zu halten.

Mein Liebster gehört mir, mir alleine.

Später brachte er Carola zur Tür und versprach ihr, sie am nächsten Tag anzurufen.

Er hat sie nicht angerufen. Sie hat nie wieder etwas von ihm gehört.

Nachdem mein Liebster die Frau verabschiedet hatte, den restlichen Wein direkt aus der Flasche getrunken hatte, war er rücklings auf sein Bett gefallen und sofort mit offenem Mund und mit allen Vieren von sich gestreckt eingeschlafen.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt längst mein Terrarium verlassen, die Rückwand aus Kokosbast stellte nun wirklich kein ernstzunehmendes Hindernis da.

Ich näherte mich ihm ganz vorsichtig, kletterte bedacht aufs Bett und lief zart über seinen nackten Körper.

Eine kleine Lektion wollte ich ihm erteilen, zur Strafe, dass er mich derart gedemütigt hatte. Mich, die ich doch so sensibel bin und die ihm alles geschenkt hatte.

Nur ein winziger Biss. Der Kuss der Spinnenfrau sozusagen.

Ich injizierte behutsam mein Gift.

Seine Reaktion fiel anders aus als erwartet.

Er fing an zu zucken, seine Augäpfel rollten nach oben, so dass man nur noch das Weiße sah, auf seinem Körper erschienen rote Quaddeln und mir wurde klar, dass er allergisch auf meinen Saft reagierte.

Ein Anaphylaktischer Schock, der allergische Extremfall.

Er atmete schwer, er hyperventilierte, ich hielt ihm Mund und Nase zu, indem ich mich draufsetzte.

Seitdem leben wir in einer perfekten Harmonie.

Ich habe begonnen, die Wohnung mit Spinnseide auszukleiden, die Fenster habe ich bereits vollständig abgehängt.

Die Fauchschaben habe ich freigelassen, sodass sie nun über den Teppich tollen und sich dort vermehren. Ich muss nur zugreifen, und meinen Durst stille ich am tropfenden Wasserhahn in der Küche.

Bald habe ich ihn vollständig eingehüllt. Meinen Liebsten. Eingehüllt in dehnbare und feste Spinnseide.

Jetzt wird uns niemand mehr stören. Wir gehören für immer zusammen.