Buchtipp // Butterfly Blues // Ein Theaterstück

Butterfly Blues Getty ImagesIch bin ziemlich spät dran und muss mir ein bisschen peinlich berührt eingestehen, dass mir dieser Autor offensichtlich komplett durch die Latten gerutscht ist.

Als ich nämlich letzten Montag die Nachrufe auf den schwedischen Erfolgsautor Henning Mankell las, kam ich aus dem Staunen nicht mehr raus, habe mir ungläubig die Augen gerieben und hätte mich anschließend selber gern ein bisschen geschüttelt.

Denn nicht nur, dass ich noch nie ein Buch von ihm gelesen hatte, oder auch nur eine Fernsehfolge über seinen berühmten schwermütigen Kommissar Wallander kenne, was natürlich auch daran liegt, dass ich bereits seit Jahren kein TV mehr glotze und allgemein zum Genre Krimi ein zwiespältiges Verhältnis habe, zwiespältig im Sinne von: Ohne mich. Oder auch: I couldn’t care less.

Ich weiß, ich weiß, das ist ungerecht und mir entgeht bestimmt total viel und überhaupt ist Schubladendenken genauso dämlich wie nachgeplapperte Lebensweisheiten und festgefahrene Angewohnheiten.

Im Prinzip wusste ich also nichts über Henning Mankell, außer eben dass er mit seinen zig Millionen verkaufter Bücher der wohl erfolgreichste schwedische Schriftsteller seit August Strindberg war.

Ich hatte auch überhaupt keine Ahnung von seinem politischen Engagement (nicht nur) in Afrika, wusste nicht, dass der Kontinent ihm längst zur zweiten Heimat geworden und ans Herz gewachsen war. Er sich dort nicht nur gegen Armut und Analphabetismus engagierte, sondern auch in Mosambiks Hauptstadt Maputo ein Theater aufgebaut hatte, an dem er selbst verfasste Stücke auf Portugiesisch inszenierte.

„Ich weiß nicht, warum, aber als ich zum ersten Mal in Afrika aus dem Flugzeug stieg, hatte ich das seltsame Gefühl, nach Hause zu kommen.“ (Henning Mankell)

 

Natürlich hat sich Henning Mankell auch zur aktuellen Flüchtlingssituation geäußert. Knapp zwei Wochen vor seinem Tod gab er der FAZ ein Interview.
Hier entlang, bitte.

Schnell dämmerte mir also beim Lesen der Nachrufe an diesem 5. Oktober 2015, dass ich Mankell-mäßig ganz offensichtlich auf dem völlig falschen Dampfer unterwegs war, und zwar mit Volldampf.

Höchste Zeit also, sich mal wieder ein paar Bretter von der Stirn zu reißen, das ist ja generell eine gute Idee.

Meine Wahl fiel dann auf Butterfly Blues, ein Theaterstück, das Henning Mankell bereits 2003 (!) geschrieben hat, und das von seiner Aktualität nichts eingebüsst hat, im Gegenteil.

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Und worum geht’s in dem Theaterstück?

Um zwei Afrikanerinnen, Sara und Ana, auf ihrem Weg nach Europa übers Mittelmeer in einem klapprigen Kahn. Auf der Suche nach einem Ort, an dem sie Mensch sein dürfen. Was sie finden? Ein Auffanglager, kriminelle Schlepper und Mädchenhändler. Sie hätten nicht damit gerechnet, so wenig willkommen zu sein. Szenen aus dem Leben zweier junger Frauen, die von niemandem erwartet werden und die statt eines Passes nur einen toten Schmetterling vorzeigen können.

Die ersten Sätze

Sara: Ich sterbe. Wir werden ertrinken. Schau! Das Schiff ist schon voller Wasser (…)

Ana: Wir werden nicht sterben. Wir sind bald da. Du musst hinsehen, da ist die Küste. (…)

Etwas mehr, bitte

„Eines Tages wird dieser barbarische Wahnsinn verschwinden“, sagt Ana, „es wird keine verzweifelten Menschen mehr geben, die gezwungen sind, als unsichtbare Phantome zu leben, als Höhlenmenschen unserer Zeit.“

Auf die Frage, ob er sich als moralischen Mann sehe, antwortete Mankell:

„Oh ja. Wie kann man überleben ohne moralische Grundsätze zu haben? Als Europäer hast du doch immer noch die Wahl: Wenn du auf der Treppe einen Schrei nach Hilfe hörst, kannst du entweder deinen Fernseher lauter drehen oder helfen.“

♥ Doris

Fotocredit: Getty Images