Anton Corbijn im C/O Berlin

Anton Corbijn Mick JaggerIch sag’s euch ganz ehrlich. Gestern hatte ich doch tatsächlich ein bisschen Herzklopfen und beinahe weiche Knie, als ich mich morgens auf den Weg nach Charlottenburg ins C/O Berlin machte, in die wundertollste Galerie der Stadt. Schließlich stand eine Presseführung zur großen Anton Corbijn Ausstellung auf dem Programm, und die sollte dann, ich ahnte es, dieser an sich schon guten Woche noch das Krönchen aufsetzen.

Zum 60. Geburtstag von Anton Corbijn feiert C/O Berlin den grandiosen Fotografen und Regisseur mit einer Knaller-Ausstellung, bei der erstmals das ganze Haus nur für einen einzigen Künstler genutzt wird.

Zu Recht, denn Anton Corbijns Porträts kann man einfach nur großartig nennen, tragen sie doch eine ganz eigene Handschrift. Man erkennt ihn sofort. Die Bilder wirken unvollkommen, er vermeidet bewusst Präzision, nutzt Körnigkeit.

Und dazwischen schimmert Verletzlichkeit hervor und Intimität, die wahrscheinlich nur entstehen kann, wenn die Beziehung zwischen Fotograf und Künstler eng ist, über einen langen Zeitraum besteht. Wenn es Vertrauen zwischen den beiden gibt.

Nicht nur scherzhaft wird er als zusätzliches Bandmitglied bezeichnet

Die Ausstellung besteht aus zwei Teilen: „Hollands Deep“ zeigt einen Überblick über sein gesamtes Werk der vergangenen Jahre: Frühe schwarz-weiß Fotografien, persönliche Projekte und konzeptionelle Serien.

600 Fotografien, Filme und Exponate

Anton Corbijn das Etikett des Rock-Fotografen anheften zu wollen, ist nämlich ebenso naheliegend wie falsch. Und er hat sich auch von Anfang an gegen diese Schublade gewehrt.

Denn:

„(…) man begrenzt damit höchstwahrscheinlich sein Publikum, und ich denke, es gibt etwas Menschliches an meinem Werk, das vielen etwas mitzuteilen hat, die nicht wissen, wer da abgebildet ist. Gottseidank kennen viele in Deutschland mein Werk sehr gut (…)“ Anton Corbijn

Anton Corbijn Nick Cave
Der zweite Teil der Ausstellung, „1-2-3-4“ feiert die musikbezogenen Arbeiten des Anton Corbijn, darunter auch noch nie veröffentlichte Aufnahmen. Es sind Bilder von Bands und Musikern, die er über einen langen Zeitraum begleitet hat.

Jedes seiner Bilder gibt der Musik ein Gesicht

Rolling Stones, Jonny Cash, Nick Cave, David Bowie, U2, Nirwana, Tom Waits, Metallica, Herbert Grönemeyer, Jonny Rotten, Depeche Mode, Arcade Fire.

Anton Corbijn NirvanaAnton Corbijn Tom Waits

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anton Corbijn lieh sich mit 17 Jahren zum ersten Mal die Kamera seines Vaters, um, schüchtern und zurückhaltend wie es (noch immer) seine Art ist, einen Vorwand zu haben, um bei Konzerten nah an der Bühne zu stehen.

Bald werden seine Fotos gedruckt und er geht nach England, wo all die Bands herkommen, die er liebt. So wie Joy Division. Nach einem Konzert spricht er sie an, fotografiert sie in einem U-Bahnhof und kurz darauf nimmt sich Sänger und Gitarrist Ian Curtis das Leben.

Corbijns Foto wird zum Symbol seiner Verlorenheit.

„I was always looking for inner beauty and struggle.“ Anton Corbijn

Anton Corbijn Portrait

 

 

 

 

 

 

 

 

Später setzte Anton dann Joy Division ein filmisches Denkmal mit seinem Film Control. Wie oft ich den inzwischen gesehen habe, kann ich gar nicht mehr zählen.

Sieben Filme und unzählige Musikvideos hat er inzwischen gedreht.

Heute widmet er seine ganze Zeit und Energie dem Film, was sehr gut zusammen passt, ist doch die Filmkunst aus der Fotografie geboren und erzählen doch sowohl Fotograf als auch Filmemacher fesselnde Geschichten und arbeiten mit Fantasieräumen.

Es gab früh eine Beziehung zu Berlin

In den 80ern kam er hierher, um die geteilte Stadt und die „Einstürzenden Neubauten“ zu fotografieren.

1990/1992 hat er dann U2 für das Achtung Baby-projekt gefilmt und seine letzten beiden Filme hat er ebenfalls in Berlin geschnitten.

Noch eine nette Anekdote zum Schluss:

Dank Anton Corbijn wurde dem C/O Berlin der Mietvertrag am damaligen Standort in der Linienstraße in Mitte gekündigt.

Man hatte nämlich 2005 eine kleine spontane Ausstellung seiner Bilder anlässlich des U2 Konzerts im Olympiastadion organisiert, die einschlug wie Bombe, ein Riesenerfolg für C/O, das in Folge regelrecht überrannt wurde. Sehr zum Missfallen der Anwohner, die in dem unaufhörlichen Besucherstrom eine Zumutung sahen. Den Klagen wurde stattgegeben (es waren damals leerstehende Büros zu öffentlichen Räumen zweckentfremdet worden).

Seitdem also ist Anton Corbijn ein enger Freund und Wegbegleiter des Hauses und C/O Berlin hat eine tolle neue und sichere Heimat im Amerikahaus gefunden.

♥ Doris

Fotocredit Anton Corbijn (c):

Mick Jagger, Glagow 1996, Nick Cave, London 1996; Nirvana, Seattle 1993; Tom Waits, Santa Rosa, CA 2004; Anton Corbijn