Vielen Dank für das Leben – Sibylle Berg im Berliner Ensemble

Sibylle Berg bei ihrer Lesung im BE

Muss man überhaupt noch erwähnen, was für eine absolut großartige Schriftstellerin Sibylle Berg ist?

Das Berliner Ensemble war jedenfalls letzten Montag  ausverkauft. Und bei den anderen Lesungen in Deutschland und der Schweiz soll es ja genauso gewesen sein. Es ist schön und tröstlich, zu wissen, dass diese klasse Frau von vielen Menschen gelesen und geschätzt wird. Ein durchweg sympathisches Publikum zudem, die Sibylle-Berg-Begeisterten.

Ich lese normalerweise nie Bücher mit gezücktem Bleistift. Bei Frau Berg aber sehr wohl, ganze Absätze markiere ich da, es bleibt mir gar nichts anderes übrig und so manch vorzügliche Formulierung würde ich am allerliebsten direkt an Hauswände sprühen. Oder ihre Bücher am besten gleich ganz zur allgemeinen Pflichtlektüre erklären.

Vielen Dank für das Leben heißt also ihr neuster Roman, den sie gemeinsam mit Katja Riemann, Matthias Brandt sowie der hinreißenden jungen Musikerin Mary Ocher im BE vorstellt. Und sie meint diesen Titel ganz ernst, die Frau Berg, was nicht unbedingt zu erwarten gewesen wäre. Denn der Blick, den Sibylle Berg auf die Welt hat, ist ganz sicher kein milder. Im Gegenteil. Gnadenlos und düster sind sie, ihre Gesellschaftsanalysen, dabei haargenau beobachtet. Hocheleganter Pessimismus.

Die Hauptfigur des Romans, Toto, jedenfalls hat eigentlich überhaupt keinen Grund, sich für sein Leben zu bedanken. In den 60er Jahren in der DDR als unerwünschtes Kind einer Alkoholikerin geboren, dabei keinem Geschlecht zuzuordnen, nicht Mädchen, nicht Junge. Ein Hermaphrodit also, und somit bereits schon als Baby aus der Norm und der Gesellschaft gefallen. „Es ist ein Nichts.“ Sagt im höchsten Maße angewidert dann auch der Chefarzt direkt nach der Geburt. Und so wächst Toto heran, in grauenhaften Heimen und brutalen Pflegefamilien in „dem kleinen sozialistischen Land“, in dumpfer grauer Hoffnungslosigkeit. Später gelangt er in den Westen. Aber nicht dass es da einen Deut besser zugeht. Zwei gescheiterte Systeme. Und dazwischen Toto.

Wundervolle Toto. Die bei all dem Hass und Widerwillen, die ihr allerorten entgegen schlagen immer gütig, freundlich und zugewandt bleibt. Die es glücklich macht, zu singen, aber völlig absichtslos, ohne Karriere zu wollen. Toto denkt nicht in Klischees, sie lebt nur im Augenblick und wir begleiten sie durch die Jahrzehnte mit ihren Hippies, Grufties und Hedgefonds Managern. Toto macht es nichts aus, vom Rudel ausgeschlossen zu sein, sie ist weich, liebevoll und will niemandem Schaden zufügen. Nie ist sie bitter oder zynisch. Sie ist rein und unschuldig, im allerbesten Sinne.

Seit langem hat mich keine literarische Figur mehr so gerührt wie Toto und ich bewundere Sibylle Berg wirklich sehr. Das hätte ich ihr gerne beim Signieren im BE  gesagt. Außerdem hätte ich auch gerne wissen wollen, wo sie ihre genialen Schuhe gekauft hat, die Frau Berg. Aber natürlich habe ich mich nicht getraut.


 

Ihre Version des Spiels

Corinna Harfouch im Deutschen Theater

Es war die wichtigste Berliner Uraufführung der Saison, so heißt es.

Normalerweise ist mir einerlei, was es so heißt und beim höchsten Steigerungsgrad von Eigenschaftswörtern, Superlativen wie „wichtigste“ werde ich grundsätzlich misstrauisch. Aber in diesem besonderen Fall wollte auch ich unbedingt das neue Stück von Yasmina Reza im Deutschen Theater sehen. Yasmina Reza, die französische Erfolgsautorin und meistgespielte Dramatikerin der Gegenwart, verehre ich über die Maßen und es war sonnenklar, dass die Karten für „Ihre Version des Spiels“ im null Komma nichts ausverkauft sein würden. Und genauso ist es, keine Karten mehr erhältlich für den ganzen Oktober und ich bin wahrlich glücklich, buchstäblich in letzter Sekunde noch welche ergattert zu haben.

Ihre Werke hebt Yasmina Reza ja mit Vorliebe in deutscher Sprache aus der Taufe, so geschehen mit „Drei Mal Leben“ am Wiener Burgtheater (Regie Luc Bondy), „Der Gott des Gemetzels“ am Züricher Schauspielhaus (Jürgen Gosch) und jetzt also „Ihre Version des Spiels“ unter Stephan Kimmig im Deutschen Theater.

Voilà. Wir sind in der französischen Provinz, wo der eifrige und verklemmte Bibliothekar Roland Boulanger  die preisgekrönte, scheue Schriftstellerin Nathalie Oppenheimer  in die Mehrzweckhalle geladen hat, damit diese ihren Roman Im Land des Überdrusses dort vorstellen kann und etwas literarischen Glanz in die piefige Kleinstadt bringt. Boulanger führt als Moderator durch den Abend und Alexander Khuon spielt ihn wunderbar, eifrig und bemüht, platzt schier vor Begeisterung ob seines berühmten Gastes und spult im irrsinnigen Tempo seine auswendig gelernten Floskeln hinunter. Ihm zur Seite, in hohen Stiefeln, die wahre Herrscherin der Mehrzweckhalle, die Starjournalistin des Feuilletons Rosanna Ertel-Keval, die sich vorgenommen hat, die Schriftstellerin so richtig in die Zange zu nehmen. Privates will sie um jeden Preis entlocken, Parallelen zwischen Roman und Leben müssen partout aufgedeckt werden. Ganz wunderbar auch sie, Katrin Wichmann, die Selbstgefälligkeit und Eitelkeit par excellence verkörpert und in Nebensätzen einfließen lässt, wie bestens vernetzt sie doch ist und wie ihr „der Julian“ (gemeint ist Julian Barnes) einst ein Gedicht widmete und sie demnächst auch wieder „den Philip“ (Philip Roth, naturelement) treffen wird.

Ihr Lieblingssatz, wenn sich die bedrängte Schriftstellerin vor Unbehagen schon windet: „Ich muss da trotzdem noch mal nachhaken“.

Die Sensation aber ist Corinna Harfouch als Schriftstellerin. All die zunächst winzigen Gesten der Anspannung, der deutliche Widerwille später, ihre Fahrigkeit, schließlich das Hinunterstürzen des Weins, ihr erniedrigter und gequälter Gesichtsausdruck in Großleinwand, das ist schlicht phantastisch.

Nach der Lesung, bei süßer Bowle und trockenen Chips kommt es dann zum weinseligen Showdown, ein furioses Besäufnis mit dem geschwätzigen Bürgermeister (Sven Lehmann), die letzten zivilisatorischen  Masken fallen und die Fassaden bröckeln vollends.

Egal wie man das Stück jetzt deuten mag und spekulieren will, wie viel von der scheuen Yasmina Reza, die Interviews hasst, nie auf Lesereise geht und „am liebsten nur schreiben möchte, ohne etwas dazu sagen zu müssen“ in Nathalie Oppenheim steckt; oder ob man es als bitterböse Persiflage über die Niederungen, die Eitelkeit und die Wichtigtuerei im Kulturbetrieb sieht, ist ganz zweitrangig.

Entscheidend nur: Ganz großes Theater im Deutschen Theater.

KANADA- Lesung mit Richard Ford

Richard Ford liest in der Akademie der Künste

Gestern startete in Berlin die Deutschland Lesereise anlässlich seines neuen Romans.

Der große amerikanische Schriftsteller Richard Ford, mit dem Pulitzer-Preis und PEN/Faulkner Award ausgezeichnet, stellte in der Akademie der Künste am Pariser Platz sein neues Werk KANADA vor. Begleitet wurde er dabei sowohl von seinem brillanten Übersetzer Frank Heibert, der als Moderator glänzend durch den Abend führte, als auch von Christian Brückner, völlig zu Recht  „The Voice“ genannt, Deutschlands Ausnahme-Synchronsprecher und Hörbuchproduzent (Parlando). Der Mann liest wirklich, dass ich weiche Knie bekomme, das nur mal so.

Richard Ford, der zwar französisch spricht, mit dem Deutsch lernen will es aber irgendwie noch nicht so richtig hinhauen, wurde später von Frank Heibert gefragt, wie es sich denn anfühle, das eigene Werk in fremder Sprache gelesen zu hören. Darauf antwortete er: wie Musik. Als würdest du Musik lauschen. Genau.

Also. Charismatische Herren auf der Bühne, preisgekrönt alle drei, die Akademie der Künste mit sensationellem Blick aufs erleuchtete Brandenburger Tor und exquisite Literatur: Was für ein schöner Sonntag!

Richard Ford, der äußerst entspannt, gut gelaunt und später beim Signieren geradezu herzlich wirkte, machte den Anfang und las aus Kapitel Eins, dessen erster Satz lautet: „First I´ll tell about the robbery our parents committed. Then about the murder which happened later“.

Damit geht es schon mal gut los. Erzählt wird die Geschichte von dem 15jährigen Dell, dessen Eltern nach dem missglückten Banküberfall im Gefängnis landen. Seine Zwillingsschwester läuft daraufhin davon und er selber, Dell, wird über die Grenze nach Kanada gebracht, um der Unterbringung im Heim zu entgehen. Fortan muss er also alleine in der Fremde sein Leben meistern, umgeben von allerhand skurrilen Gestalten.Kanada als Metapher für das Grenzgebiet zwischen „gut“ und „böse“, Schuld und Unschuld und wie schmal der Grad dazwischen oftmals ist. Es ist ein Buch über Demut, über das Einverstanden sein mit Unwägbarkeiten und Zufälligkeiten, die das Leben ausmachen. Wie macht man weiter, wenn einen das Schicksal aus der Bahn wirft?

Große Fragen. Und ganz große Literatur.