Floßfahrt mit Thoreau

Unser schwimmendes Zuhause

Die Liste war ruckizucki abgearbeitet. Isomatte, Mückenschutzmittel, Sonnencreme, Badezeug. Ein bisschen Kleinkram noch. Was man halt so braucht für eine dreitägige Floßfahrt bei strahlendem Sonnenschein auf den Gewässern der Mecklenburgischen Seenplatte. Ins Straucheln geriet ich nur kurz beim Punkt Feuerzeug, die hatte ich schließlich allesamt zusammen mit meinen Zigarillos, Aschenbechern und sonstigen Rauchutensilien in einer feierlichen Zeremonie entsorgt. Seit zwei Monaten bin ich jetzt Nichtraucherin (und finde das meistens richtig gut), aber in irgendeiner Tasche fand sich dann doch noch eins.

Ewig brauchte ich allerdings für die Suche nach der passenden Reiselektüre, als leidenschaftliche eBook Reader Ablehnerin muss ich mich entscheiden. Aber  was bitte passt zu Schilf und Schlick? Was korrespondiert harmonisch mit Seerosenwiesen?

Das neue Buch von Sibylle Berg?  „Vielen Dank für das Leben“ heißt es und wurde bereits sehnsüchtig von mir erwartet, das erste Durchblättern verheißt auch wieder nur Gutes. Kleine Kostprobe: „Im Vergleich zu Affen, Oktopussen und Gemüsesorten schneiden Babys in Intelligenztests schlecht ab“.

Oder dieser hier, auch sehr schön: „Alle jungen Menschen in der neuen westlichen Welt waren strebsame kleine Automaten, oder sie waren Versager, die mit ihren trinkenden Eltern in den Siedlungen hockten und sich langweilten“. Für solche Sätze liebe ich Sibylle Berg,  dennoch scheint sie mir nicht ganz die optimale Begleitung für eine romantische Floßtour durch idyllische Wasserstraßen. Schließlich habe ich vor, mich drei Tage lang möglichst leicht, unbekümmert und ruhig zu fühlen.

Selbstverständlich findet sich die perfekte literarische Begleitung dann doch noch. Meine Wahl fällt auf „Walden“ von Henry David Thoreau, auch nicht gerade ein Menschenfreund. Das Buch steht schon ewig auf meiner muss-ich-unbedingt-mal-lesen-Liste und erweist sich als genialer Glücksgriff. Thoreau kehrte 1845 der Menschheit den Rücken und lebte zwei Jahre alleine in einer Blockhütte in den Wäldern von Massachusetts. Ein wunderbares Buch voller neuer Lieblingssätze!

Unsere Floßtour starten wir übrigens am Röblinsee. Weiter geht’s dann in die Rheinsberger Gewässer, ein einziges schimmerndes Labyrinth aus Wasser. Wir haben schnell unseren Rhythmus gefunden. Das sanfte Geplätscher, wenn wir mit ein paar Knoten durchs Wasser tuckern, ein paar Graureiher nicken uns hoheitsvoll aus der Luft zu. Den Anker werfen wir meist mitten auf dem See aus, sanft schaukelt unser Floß, wenn wir ins dunkelgrüne kühle Wasser springen.  Wir könnten uns abends etwas kochen auf unserem Floß, es ist bestens ausgestattet, aber viel lieber machen wir irgendwo fest und kehren ein, in eine der vielen schönen Gaststätten mit köstlichem Hecht und Zander. Später suchen wir uns dann ein lauschiges Plätzchen für die Nacht und sitzen auf der kleinen Veranda unseres schwimmenden mini  Ferienhäuschens. Einmal raschelt es ziemlich unheimlich, es ist nach Mitternacht, stockfinster und wir liegen einsam am Ufer eines märchenhaften Waldabschnitts mit riesigen Farnen, Spinnennetzen und Sümpfen. Familie Wildschwein? Der Räuber Hotzenplotz himself, pünktlich zu seinem 50.Geburtstag? Unser Hund, eine Riesenschnauzerhündin, knurrt so eindrucksvoll ins Pechschwarze, wie wir es in fünf Jahren Zusammenleben noch nie gehört haben und ziemlich schnell herrscht dann auch wieder himmlische Ruhe.

Ich hätte noch ewig mit dem Floß und Thoreau weiterfahren können.