Ich – Marilyn

Steglitz- Zehlendorf ist jetzt nicht unbedingt der Bezirk, den ich mit Theaterabenden in Verbindung bringe.

Dabei ist das Schlossparktheater ein wirklich kleines, feines und unbedingt traditionsreiches Theater, wo einst beispielsweise Hilde Knef und Klaus Kinski aufspielten. Wie schön, dass dieses Haus seit nunmehr zwei Jahren wieder im neuen Glanz erstrahlt.

2011 habe ich hier die hinreißende Schauspielerin Chris Pichler zum ersten Mal erleben dürfen, und zwar in ihrer grandiosen Rolle als Romy Schneider-zwei Gesichter einer Frau.

Und nach dem schauspielerischen Ausnahmetalent mit der zerrissenen, widersprüchlichen Persönlichkeit,  Romy Schneider, hat sich die gebürtige Österreicherin Chris Pichler (Schauspielerin des Jahres 2009) also diesmal für ihr Soloprogramm Marilyn Monroe vorgenommen. Schon wieder so eine hochinteressante und tragische Frau. Haargenau mein Geschmack.

Wie nähert man sich einer Frau wie Marilyn Monroe?

Einem derartigen Mythos, der die Welt zu Füßen lag und die dennoch abgrundtief unglücklich war, in ihrer Suche nach echter Anerkennung, die nicht als DAS blonde Sexsymbol und naive Dummchen wahrgenommen werden wollte, sondern als ernstzunehmende Schauspielerin, die sich zeitlebens verzehrte nach wahrer Liebe- die ihr sowohl von der eigenen Mutter, als auch von ihren zahlreichen Liebhabern und Ehemännern immer versagt bleiben sollte.

Chris Pichler lässt die Zuschauer teilhaben an Marilyns (damals noch Norma Jeane Baker) Anfängen in Hollywood, an den unzähligen geilen und grabschenden Filmmogulen, der Besetzungscouch, den ersten kleinen Rollen, den Ehen mit dem Jugendfreund, mit Joe Di Maggio, mit Arthur Miller. Ihrem Selbstmordversuch, der Psychiatrie, ihrem Umzug nach New York, dem Schauspielunterricht bei Lee und Paula Strasberg.

Und schließlich der Affäre mit John F. Kennedy, dem „Aufstieg“ direkt in die Präsidentensuite bis zu ihrem, noch immer ungeklärten, Tod (Unfall? Selbstmord? Mord?) im Jahre 1962.

All das spielt die wunderbare Chris Pichler mit einer Intensität, dass ich zwischenzeitlich das Gefühl hatte, nur noch fingerhutweise atmen zu können. Ganz großes Theater.

Und wer noch mehr über Marilyn Monroe erfahren möchte, auf allerhöchstem literarischem Niveau, dem sei jetzt der Roman Blond von Joyce Carol Oates ans Herz gelegt.

Emily, allein

 

Bei Elke Heidenreich schätze ich ja durchaus die Leidenschaft, mit der sie sich für das Lesen einsetzt. Dennoch: Noch nie habe ich ein Buch gekauft, weil sie es in den Himmel gelobt hat. Im Gegenteil, der Bogen, den ich um das gepriesene Werk gemacht habe, war meist extra groß.  Für meinen Geschmack erhebt sich der heidenreichsche mahnende Zeigefinger zu häufig in ihren Rezensionen und mir fehlt auch schlicht ein wenig Charme.

Unlängst las ich jedoch ihre Meinung zu Stewart O`Nans neuem Buch Emily, allein (erschienen im Januar 2012 bei Rowohlt) in der Literarischen Welt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Buch bereits gelesen und musste erstaunt feststellen, dass sie ebenso begeistert von diesem wunderbaren Autor ist wie ich.

Stewart O`Nan wurde 1961 in Pittsburgh geboren, arbeitete zunächst als Flugzeugingenieur (hat er da diese unglaubliche Präzision her?) und studierte später an der Cornell University Literaturwissenschaft. Für seinen ersten Roman Engel im Schnee  erhielt er 1993 den William-Faulkner-Preis.

Emily, allein handelt von dem vermeintlich völlig unspektakulären Leben der achtzigjährigen Emily Maxwell, die ihre Zeit gemeinsam mit dem ebenfalls hoch betagten Hund Rufus in einem überschaubaren Routine-Universum verbringt. Emilys Mann ist vor Jahren gestorben und auch die Beerdigungen im Bekanntenkreis nehmen mittlerweile beunruhigend zu.

Die Beziehung zu ihren Kindern und Enkel ist kompliziert, außerdem haben diese alle Hände voll mit dem eigenen Leben zu tun. Und so hat sich Emily eingerichtet, in ihrem Kosmos, schneidet Rabattmarken aus Zeitungen, ernährt sich von überbackenen Toasts, liest viel und hört klassische Musik. Sie ist alleine, aber nicht einsam.

Als ihre Schwägerin Arlene ins Krankenhaus eingeliefert wird, ändert sich Emilys Leben plötzlich noch einmal grundlegend. Sie überwindet ihre Angst vorm Autofahren, kauft sich ein kleines Hybridfahrzeug und genießt die ungewohnte Selbständigkeit.

Das Buch ist ein liebevolles und tiefgründiges Porträt einer alten Dame, die um ihre Würde und Selbstachtung ringt. Stewart O`Nan zeigt auf bewundernswert einfühlsame Art, dass nichts jemals aufhört, alles geht auch im Alter weiter: Die Freude über den ersten Schnee, die Krokusse im Frühling, das Bedachtsein auf die äußere Erscheinung. Trauer, Stolz, Glück, Freude, Einsamkeit, Wut, die Gefühle schlagen immer noch in alle Richtungen aus.

„Ruhe gibt es nicht, bis zum Schluss“ (wusste schon Klaus Mann).

Sehr tröstlich, finde ich.